Unternehmer*innen im Porträt: Nicolas Gold und Markus Schaffer

Mit Sheyn haben die beiden inspirierenden Gründer ein Designer-Label der ganz besonderen Art ins Lerchenfeld gebracht.

Am Beginn der Lerchenfelder Straße findet man einen Shop, dessen internationales Flair einen sofort in den Bann schlägt. Zumindest ist es mir so ergangen, und seither führt jeder Weg in die Lerchenfelder Straße auch „Sheyn.“ vorbei. Gegründet wurde das inspirierende Label 2016, eröffnet wurde der innovative Designer-Store vom israelischen Architekten und Designer Nicolas Gold und dem Grazer Wirtschaftsinformatiker Markus Schaffer erst vor einem knappen Jahr, mitten im Lockdown und als Studio, Workspace und Verkaufsraum in einem. Sheyn – das ist eine Mischung aus dem österreichischen „scheen“ und dem jiddischen „sheyn“ – und schön sind die Produkte von Gold und Schaffer allesamt. Mit der Lebendigen Lerchenfelder Straße haben die beiden Gründer über ihr ebenso spannendes wie kluges Firmenkonzept gesprochen.

Text: Angela Heide, Fotos: Berenice Pahl

Lebendige Lerchenfelder Straße: Wie kam es zur Gründung von Sheyn.?
Markus Schaffer: Ich komme aus Graz und habe an der WU Wien Wirtschaftsinformatik studiert. Noch während meines Studiums bin ich Nicolas begegnet, und 2016 ist er an mich herangetreten und hat mich gefragt hat, ob wir gemeinsam ein Label gründen wollen.
Nicolas Gold: Ich wurde in Argentinien geboren, bin mit 16 Jahren nach Israel gezogen, wo ich 12 Jahre gelebt habe und meinen Bachelor in Architektur an der Tel Aviv University absolviert habe. Ich wollte danach aber unbedingt noch weiterlernen, und da mein Fokus von Beginn an auf digitaler Architektur lag, habe ich lange gesucht, wo auf der Welt ich mit meinem Interesse noch weiterstudieren kann. So kam ich auf den Masterstudiengang der Universität für angewandte Kunst bei Zaha Hadid, und da ich ein großer Bewunderer ihrer Arbeit war, habe ich dann von 2014 bis 2017 in ihrer Klasse den Master gemacht.
Schon in Israel haben wir relativ frei gearbeitet und auch andere Dinge entworfen. An der Angewandten konnte ich noch freier wählen, in welchen „scales“ ich arbeiten will. Bereits während meines Studiums in Wien habe ich mit dem Entwerfen von Schmuck begonnen, und ich war überrascht, wie rasch ich etwas am Computer entwickeln kann – und nach zwei Wochen ist es fertig produziert. Heute arbeite ich als Designer, aber mit dem Blick des Architekten.
Markus Schaffer: 2016 haben wir mit dem Label „Sheyn.“ angefangen. Damals noch ganz klein: Nicolas hat erste Prototypen von Ringen und Armreifen entwickelt, und so haben wir zuerst ausschließlich Schmuck produziert.
Nicolas Gold: Es war von Anfang an klar, dass wir ein gutes Team sind. Wir haben zwei unterschiedliche Ausbildungen, kommen aus verschiedenen Bereichen, die aber hervorragend miteinander kombinierbar sind. Diese Kombination erzeugt ständig neue Ideen und Möglichkeiten.

„Für mich war Architektur immer zu langsam, ich brauche ständig etwas Neues, und so ist diese Mischung aus architektonischem Denken und Design für mich ideal.“

Nicolas Gold

Wie kann man sich diese frühe Produktion vorstellen?
Markus Schaffer: Unser Produktionspartner für den Schmuck war vorerst in den Niederlanden.
Nicolas Gold: Wir haben die Datei hingeschickt, daraus wurde eine Form in Wachs gegossen und danach in Silber gegossen.
Markus Schaffer: Dabei wird das vorab digital entwickelte Stück zuerst Schicht für Schicht in Kunstharz ausgehärtet. Und aus diesem positiven Modell wird eine Gipsform erzeugt, das Kunstharz herausgeschmolzen und das Objekt dann in Silber gegossen.

Die Firma ist dann innerhalb von drei Jahren sehr gut und konsequent gewachsen.
Markus Schaffer: Wir haben zuerst noch neben Studium beziehungsweise Job am Firmenaufbau gearbeitet und 2019 unseren ersten eigenen 3D-Drucker gekauft, der vorerst noch für Präsentationen der Schmuckstücke dienen sollte. Zu dieser Zeit hatte Nicolas aber schon die Idee, auch Prototypen von Vasen zu entwickeln. Wir haben auf einem Designmarkt unsere Schmuckstücke und die Prototypen der Vasen ausgestellt, und die Vasen gingen dort weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Uns war ab diesem Moment klar, dass wir da dranbleiben und weiterarbeiten müssen.
Nicolas Gold: Als wir Sheyn gegründet haben, war zuerst nur ich Vollzeit im Unternehmen tätig, Markus nur in Teilzeit. Und seit Kurzem sind wir beide nur noch für unseren eigenen Betrieb tätig und haben darüber hinaus noch einen Mitarbeiter, der uns bei der Arbeit unterstützt.
Markus Schaffer: Ich habe bereits während des Studiums und dann noch während der Gründungsphase unserer Firma als IT-Consultant gearbeitet, doch nachdem wir in letzter Zeit so stark gewachsen sind, haben wir uns beide dafür entschieden, alle anderen Aufgaben zu beenden und uns gemeinsam voll auf Sheyn zu konzentrieren.
Nicolas Gold: Und Markus hat sich auch rasch als idealer Techniker für die Maschinen herausgestellt. Die erste Maschine, die bei uns ankam, war eine Art „Bastel-Kit“, das heißt, sie kam in Einzelteilen und musste erst von uns zusammengebaut werden. Heute weiß Markus ganz genau, wie die Maschinen bis ins kleinste Detail funktionieren und kann sie auch bei Bedarf vor Ort reparieren.

Haben Sie für diese großen beruflichen Schritte finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand bekommen?
Markus Schaffer: Wir haben bei der Wirtschaftsagentur um Fördermittel für Gewerbe in der Kreativbranche angesucht und auch bekommen. So konnten wir 2020 den nächsten Schritt setzen und unsere Homeware-Kollektion entwickeln, die wir dann auch bei der Vienna Design Week vorstellen durften.
Nicolas Gold: Die ursprüngliche Idee war ja, unseren Schmuck in anderen Geschäften zu verkaufen – damals hatten wir auch noch keinen eigenen Shop. Damit wir den Schmuck präsentieren und dabei hier in Wien flexibler arbeiten konnten, haben wir unsere erste Maschine gekauft, mit der wir Objekte schaffen wollten, auf denen wir den Schmuck präsentieren. Mit dieser Maschine können wir aber noch wesentlich mehr machen, was wir eigentlich erst durch Zufall bemerkt haben – und so haben wir letzten Endes unsere erste Homeware-Kollektion damit entwickelt und auch schon selbst produziert.
Markus Schaffer: Wir produzieren heute noch immer Schmuck, teilweise immer noch in den Niederlanden, teilweise auch in Polen, aber das Kerngeschäft liegt nun in der Homeware.

Ihre Maschinen formen aber nicht mehr Harz oder Silber, sondern ein ganz anderes Material?Markus Schaffer: Genau. Wir verwenden PLA, ein Material aus Maisstärke, das als Filament auf Spulen kommt. Der Drucker schmilzt diese Fäden durch eine kleine Düse, die auf 200 Grad erhitzt wird, und formt die so weitertransportierte Masse zu dem Objekt, das wir davor digital entworfen und auf dem Gerät programmiert haben, indem diese Schicht für Schicht aufgetragen wird.
Nicolas Gold: Zwischen dem Entwerfen und dem ebenen skizzierten Produzieren an der Maschine gibt es noch einen weiteren Schritt: Ich muss der Maschine nämlich zeigen, was sie machen muss. Das mache ich auch über den Computer. Wobei wir neben den Vasen auch Möbelstücke aus Beton machen – die ebenfalls aus dem 3D-Drucker kommen.

Das heißt, Sie entwerfen, entwickeln ein Objekt digital und lehren dann der Maschine, wie sie es in die Realität bringen kann. Von welcher Art Objekte sprechen wir dabei, gibt es Formen, Muster, Farben, die immer feststehen, fixierte Kombinationen?
Nicolas Gold: Wir arbeiten mit unterschiedlichen Texturen, also Oberflächenmuster, die wir alle digital entwerfen und die alle eine eigenen Namen haben. In Kombination mit der Form, die ich dann entwickle, ergibt sich etwa auch, wie groß eine Vase wird. Und zu jeder Textur gibt es eine „Designfamilie“ von verschiedenen Objekten.
Markus Schaffer: Als wir begonnen haben, an der Kollektion zu arbeiten, haben wir das gemeinsam mit dem Künstler Stefan Wirnsperger getan und mit ihm gemeinsam 11 Farben ausgewählt, in denen jedes Design zu haben ist.
Nicolas Gold: Der große Vorteil bei der Art, wie wir arbeiten, ist, dass wir nicht jedes Objekt in jeder Farbe produzieren müssen: Wir haben das Rohmaterial immer auf Lager, und wenn ein Design in einer bestimmten Farbe bestellt wird, können wir das binnen Stunden hier vor Ort mit unseren eigenen Druckern produzieren. Das macht uns in vielerlei Hinsicht flexibler.

Das heißt, Sie sind zugleich sehr flexibel, was das Eingehen auf Kund:innenwünschen betrifft, aber auch Umwelt und Ressourcen schonend – etwa, indem Sie weniger lange Lieferwege haben, von der Produktion in ein Lager oder einen Verkaufsraum und dann wieder weiter, aber auch, weil Sie weniger Raum brauchen, um darin etwaige Überproduktionen endlos zu lagern.
Markus Schaffer: Genau. Für uns ist das wirklich ein großer Vorteil, dass wir unsere Produkte nicht in großen Mengen aus einem Drittland bestellen und dann andernorts lagern müssen, und dass wir die Maschinen vor Ort haben, nun auch direkt im Verkaufsraum. So können wir es uns überhaupt leisten, hier im siebten Bezirk zu arbeiten. Und wenn wir unseren Betrieb in einem anderen Land aufbauen wollen, können wir dann auch dort lokal liefern, produzieren, verkaufen.
Nicolas Gold: Dass wir kein Lager brauchen, empfinde ich als wesentlichen Vorteil. Wenn wir ein Vase woanders produzieren lassen müssten, müssten wir das in größeren Mengen – und dann wiederum von jeder Vase so und so viele Exemplare in einem Lager aufbewahren. Wir drucken hingegen nur, was die Menschen bestellen – die Kund:innen wie die Geschäfte, die unsere Objekte bei sich haben. Daher haben wir nur das Material zu lagern, was wir hier in unserem Geschäft tun, um so rasch und flexibel bei Nachfrage produzieren zu können.

Wie rasch sind die Maschinen, und wie viele haben Sie aktuell?
Nicolas Gold: Wir haben im Moment 19 Maschinen, für kleine, mittelgroße und große Objekte.
Markus Schaffer: Eine Vase, zum Beispiel, braucht dann je nach Design zwischen drei und neun Stunden. Das hängt nicht nur von der Größe ab, sondern auch vom Detailgrad, also wie viel die Maschine dann wirklich abfahren muss.

Wie hat sich da die „Szene“, wenn es sie gibt, in den letzten Jahren in Wien entwickelt?
Nicolas Gold: Es gibt derzeit noch nicht viele Designstudios, die 3D-Druck-Objekte für zuhause machen. Die Maschinen, die wir verwenden, sind eigentlich primär für Prototypen entwickelt worden. Aber wir haben unser eigenes System entwickelt, wie wir die Maschinen so nutzen, das wirklich perfekte Objekte entstehen, und eben nicht mehr nur Prototypen.

Was kauft die Kundin, der Kunde primär: ein schönes Objekt für zuhause, oder liegt der Fokus eher darauf, dass es ungewöhnliche Objekte aus dem 3D-Drucker sind?
Markus Schaffer: Auf den ersten Blick sieht man nicht, dass es Objekte aus dem Drucker sind, das heißt, es bringt Besucher:innen zuerst das Design herein, die Formen, Farben – und viele sind dann überrascht, wenn wir ihnen mehr erzählen oder wenn sie eine Vase genauer betrachten und sie sich ein ganz anderes Material rein optisch vorgestellt haben, als es dann ist.
Nicolas Gold: Das Material ist tatsächlich auf den ersten Blick unglaublich leicht, die Vasen sind aber wirklich sehr stabil.

Wie sind Sie zu Ihrem Studio an die Lerchenfelder Straße gekommen?
Markus Schaffer: Wir haben in den ersten Jahren von zuhause aus gearbeitet, haben dann aber gemerkt, dass man sich mit fünf Druckern im Wohnzimmer nicht mehr wirklich entspannen kann. Und so war es an der Zeit, ein Geschäftslokal zu suchen, das allen unseren Erfordernissen entspricht. Auf das Lokal in der Lerchenfelder Straße 7 sind wir durch einen Zufall gestoßen. Und für uns hat hier alles gepasst: zentrale Lage zwischen 1., 7. und 8. Bezirk, gute Größe, eine leistbare Miete. So haben wir uns im November 2020 entschieden, es trotz Lockdown zu übernehmen.
Nicolas Gold: Vielleicht war es gerade deshalb eine gute Zeit, denn damals haben nur wenige Menschen Geschäftslokale gesucht. In unserem Falle waren wir jedenfalls die Ersten. Und haben und sofort verliebt.

Bedeutet das auch, dass klassische Laufkundschaft nicht unbedingt notwendig ist, um das Geschäft hier zu halten?
Markus Schaffer: Für uns ist es weit mehr als Verkaufslokal: ein Ort, um hier zu designen, zu produzieren, von hier aus unsere Partner:innen zu beliefern. Und es ist auch ein sehr attraktiver Showroom geworden.
Nicolas Gold: Wir finden es auch schön, dass Kund:innen, die wir schon davor hatten, nun sehr gerne persönlich kommen, um ein Objekt zu kaufen. Sie können bestellen und dann vorbeikommen, um das nur für sie hergestellte Objekt abzuholen. Es existiert nur für sie.

Sie kooperieren darüber hinaus mit einer Reihe von Geschäften in Wien, aber auch international, in denen man Ihre Homeware und Ihren Schmuck kennenlernen und natürlich auch kaufen kann.
Nicolas Gold: Wir versuchen, in jedem Bezirk in Wien eine:n regionale:n Partner:in zu finden.
Markus Schaffer: Unser Hauptpartner ist aber Gottfried & Söhne im Jüdischen Museum, die uns von Beginn an unterstützt haben. Und da kann es dann zum Beispiel auch passieren, dass jemand dort im Museumsshop eine Vase gesehen hat, diese aber in einer anderen Farbe haben will und so zu uns in die Lerchenfelder Straße findet.
Nicolas Gold: Wir haben einige Kund:innen, die immer wieder kommen und auch eine bestimmte Vase in verschiedenen Farben kaufen. Dabei ist das Konzept, eine Vase nur für jemanden zu produzieren, der sie wirklich haben will, eines, das auch bei unseren Käufer:innen sehr gut ankommt.

„Wenn uns Leute fragen, wo wir das Geschäft haben und wir es ihnen sagen, kommt fast immer als Antwort: ,Ah, siebter Bezirk!‘“

Markus Schaffer

Sie sind erst vor relativ kurzer Zeit an die Lerchenfelder Straße gezogen. Wie würden Sie das „Grätzel“ rund um Ihr Unternehmen beschreiben?
Markus Schaffer: Es ist immer viel los auf der Straße, und was uns auffällt, ist, dass immer mehr coole Geschäfte hier aufmachen.
Nicolas Gold: Für uns ist es gut, nicht auf einer reinen Einkaufsstraße zu sein. Denn die meiste Zeit brauchen wir für das Entwerfen, Produzieren und den Vertrieb. Wenn unser Studio zum Beispiel auf der Neubaugasse wäre, hätten wir sogar das Problem, dass wir nicht arbeiten könnten. Für uns ist es perfekt, wie es ist.

Was sind Ihre Pläne für Sheyn in der nächsten Zeit?
Nicolas Gold: Wir wollen neue Produkte entdecken und neue Märkte entdecken. Und das von Lerchenfelder Straße aus.


Sheyn.
Studio & Shop
Nicolas Gold & Markus Schaffer
Lerchenfelder Straße 7, 1070 Vienna
Mittwoch bis Samstag, 12 bis 18 Uhr
sheyn.at

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

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