Lerchenfeld, literarisch: Irgendwie liegt sie immer auf meinem Weg

Von Claudia Tondl

Schön, dass Sie vorbeischauen, Ihre Neugier freut mich. Diese Gelegenheit möchte ich nutzen, mit Ihnen ein Stückchen durch das Lerchenfeld zu spazieren. Begleiten Sie mich. Oder begleite ich Sie? Darf ich Sie duzen? Ich finde so schneller in den Dialog, in ein Miteinander zwischen dir und mir. Vielleicht geht es dir ähnlich. Vielleicht fragst du dich aber auch, warum du mir überhaupt folgen sollst. Darauf kann ich dir keine genaue Antwort geben. Jedenfalls aber bin ich ortskundig, ich durchquere sowohl Alt- wie auch Neulerchenfeld mehrmals wöchentlich bis fast täglich durch alle möglichen Straßen und Gassen, wobei die Stolzenthalergasse meine am öftesten frequentierte Verbindungslinie darstellt, irgendwie liegt sie immer auf meinem Weg zwischen da, wo ich wohne, und da, wo ich hinmuss. Oder hinmöchte. Egal ob zu Fuß oder mit dem Rad. Und ehrlich gesagt wusste ich bis heute nicht einmal ihren Namen – eine Straße, die für mich einfach zum Durchqueren da ist, gäbe es nicht diese neuralgische Stelle. Vielleicht weißt du, welche Stelle ich meine. In etwa der Straßenhälfte gibt es eine Kreuzung, die keinesfalls wie eine Kreuzung aussieht. Schauen wir uns diese Stelle einmal an: Am besten kommen wir dazu von der Josefstädter Straße und gehen den rechtsseitigen Gehsteig entlang in Richtung Lerchenfelder Straße. Gerne du vor mir, hier ist der Gehsteig etwas eng. Wenn es dir wie mir bei meiner allerersten Durchquerung der Stolzenthalergasse ergeht, flitzt dir dort an besagter Stelle wie aus dem Nichts von rechts kommend ein Rad über den Weg. Obwohl ich mir dieser Möglichkeit nun prinzipiell bewusst bin und mein Gehtempo rechtzeitig zuvor verlangsame, erschrecke ich manchmal immer noch. Vielleicht hat das aber auch mit meiner dort aufkommenden Freude über die paar Bäume und Sträucher zu tun, diesem jedes Mal aufs Neue unvermuteten Grün, das plötzlich ums Eck wie mitten auf der Straße geordnet und von einem niedrigen Zaun eingefasst auftaucht und mich vergessen lässt, dass hier die gerne genutzte Radroute durch die Pfeilgasse kreuzt. Eine Kreuzung eben. Aber nicht nur das. Manche Bezirkskundigen sprechen (wie auch Google Maps) gar von einem öffentlichen Park, davon würde ich persönlich Abstand nehmen, lässt dieses Wort doch Fantasien erblühen, die real vor Ort gar nicht gepflanzt wurden. Zumindest noch nicht. Es ist aber auch nicht irgendein Nicht-Ort. Zwischen die paar Bäume, Sträucher und Bodenvegetation wurden gewollt einige Bänke auf eine ordentlich anmutende Bepflasterung gestellt und dem gesamten Ensemble wurde der Name Lisette-Model-Platz gegeben, einer von mehreren weiblichen Sprenkel im durch und durch männlich dominierten öffentlichen Raum der Stadt. Das aber nur am Rande, darum soll es uns hier heute nicht gehen. Heute möchte ich hier mit dir in Ruhe verweilen. Ein Weilchen. Nehmen wir Platz. Schau dich um. Ich war selbstverständlich schon einmal hier und habe auf der Bank vis-à-vis etwas Zeit verbracht, ich wollte für heute gut vorbereitet sein. Wie du nämlich weißt, gibt es „die“ Natur gar nicht, genauso wenig wie den Baum, den Strauch, die Blume. Die Natur ist genauso divers wie wir Menschen, sind wir doch Teil der Natur, aber auch darum soll es uns hier heute nicht gehen. Heute wollen wir uns gemeinsam diesen Platz anschauen. Im Detail. Was siehst du? Ich weiß, nur ein paar wenige Expert:innen können aus dem Effeff Baumarten bestimmen. Ich zähle definitiv nicht dazu, deshalb habe ich vorab recherchiert, um dieses Wissen auf jeden Fall heute mit dir teilen zu können. Ich habe also herausgefunden, dass diese Bäume hier auf dem Lisette-Model-Platz Roteschen sind, insgesamt fünf Stück, vier hier gleich hinter den vier Bänken und eine steht dort hinter den drei Bänken im Eck. Die beiden noch jungen Bäume sind einerseits eine Pyramidenhainbuche und andererseits eine Säulenblumenesche, da stehen bis vor zur Blindengasse übrigens noch vier weitere, und die drei Bäume am Zaun zur Stolzenthalergasse sind Säuleneichen. Und siehst du dort die Bäume in Richtung Albertgasse? Das sind japanische Schnurbäume, insgesamt acht Stück, die da den Straßenrand säumen. Mit diesem Wissen eröffnet sich uns eine Welt, die wir sonst nicht wahrnehmen. Mit diesem Wissen wissen wir mehr über das Leben an diesem Ort, dem Stückchen Grün, das hier nicht einfach überleben durfte, sondern derart gepflanzt wurde, dass es zu vielfältigem Leben beiträgt. Die Baumauswahl hier am Platz bietet eine wertvolle Nahrungsquelle für Maskenbienen, Seidenbienen, Sandbienen, Mörtel- und Blattschneiderbienen, Vierfleckpelzbienen, verschiedene Hummel- und Kuckuckshummelarten, Hain- und Hornissenschwebfliegen, Eschen-Scheckenfalter, Ligusterschwärmer und andere Schmetterlinge. Auch alle möglichen Raupen, Mäuse, Ratten, Marder, Igel finden hier wie unsere Stadtvögel Nahrung und besonders die Säuleneichen sowie die Pyramidenhainbuche eignen sich gut als Brutgehölz. Diese Baumarten wurden für diesen Standort ausgewählt, weil sie allesamt klimatolerant, frosthart und windfest sind und extreme Innenstadtstandorte gut vertragen beziehungsweise sommerliche Trockenzeiten recht gut überstehen.

Während ich noch eine Weile weiterspreche – du hörst Wörter wie Bodenansprüche, Nährstoffbedarf, Wurzeln, Bodenbeläge, Bauarbeiten –, beobachtest du die heranschlendernde Frau bei ihrer Entscheidung, auf der Bank gegenüber Platz zu nehmen. Den Kinderwagen mit Babywanne positioniert sie neben sich, und während sie nun für ein kleines Weilchen die Augen geschlossen hält, schaukelt sie mit ihrer Hand am Griff sanft den Wagen. Erst wirkt es etwas automatisiert, aber nach und nach bekommt dieses Wippen etwas Meditatives, und ich sehe, wie auch du deine Augen schließt. Also lasse ich meine monologische Begeisterung über uns bereichernde Perspektiven ausklingen und beobachte das Geschehen auf dem Platz. In der Nähe des Mistkübels haben Ameisen eine Straße gebildet, um eine tote Wespe zu transportieren. Ich schaue ihnen eine Zeit lang zu und schalte dann auf Hörmodus um. Irgendwo über mir brummt es, ab und an schnurrt ein Rad vorbei, mal von links nach rechts, mal von rechts nach links, ein Vogel ruft etwas in die über dem Platz schwebende Ruhe, und ich nehme mir vor, in nächster Zeit herauszufinden, welcher Vogel wie klingt, um zumindest die gängigen Stadtvögel um uns herum zu erkennen, wenn ich sie nur höre. Um mich tappst es, aus der Entfernung ruft jemand den Namen Oskar, woraufhin das Tappsen schnell zu einem Rascheln wird und vermutlich das nun hörbare Flügelflattern verursacht. Vielleicht aufgeschreckt, beginnt das Kind im Wagen zuerst ein paar Mal kurz zu mucksen, um dann flugs in schallendes Weinen auszubrechen. Du beobachtest, wie die Frau ihr Kind aus dem Wagen nimmt, um es in den Armen zu wiegen. Ich öffne meine Augen und bemerke, dass sich in der Zwischenzeit auch ein Mann zu uns auf den Platz gesetzt hat. Er sitzt auf der Bank neben der Frau. Aus einer nach vorne gebeugten Haltung mit Blick zum Boden setzt er sich jetzt auf und streckt seine Arme seitlich über die oberste Holzlatte der Bank aus. Während er wächst, rollt sich die Frau immer mehr um ihr weinendes Kind, bis sie schließlich an ihrer Kleidung nestelt, das Baby noch näher an sich drückt und es an ihre Brust legt. Der Mann starrt. Ich fixiere den Mann mit meinem Blick, in der Hoffnung, seinen Blick damit ablenken zu können. Du lächelst der Frau zu. Und die Frau versucht sich murmelnd auf ihr Kind zu fokussieren. So sitzen wir ein gefühlt langes Weilchen, bis mir einfällt, dass ich gegen diesen lauten Blick anschreiben kann, gegenschreiben möchte, und dazu das beste Werkzeug besitze, um Möglichkeitsräume zu schaffen: die Vorstellungskraft. Außerdem wollte ich früher Architektin werden, also baue ich da auf den Lisette-Model-Platz augenblicklich einen Rückzugsort, einen Stillraum. Du nickst, und schlägst Naturmaterialien vor, vielleicht Holz, Lehm, Stroh, auf jeden Fall rund oder halbrund geformt, mit Oberlichte und gemütlich eingerichtet: ein Sessel oder Schaukelstuhl, ein Wickeltisch, vielleicht Vogelgezwitscher, Hummelbrummen, Meeresrauschen, Windsäuseln. Und an die Türe hängen wir ein Willkommensschild für stillende Frauen, damit es ihnen unterwegs frei steht, sich, wenn nötig, dafür entscheiden zu können, öffentlichen Blicken oder Situationen aus dem Weg zu gehen. So steht ab jetzt also ein Stillraum auf dem Lisette-Model-Platz. Und übermütig wie du und ich gerade sind, beschließen wir, die eben stattgefundene Szene zu wiederholen.

Das Kind im Wagen beginnt also zuerst ein paar Mal kurz zu mucksen, um dann flugs in schallendes Weinen auszubrechen. Du beobachtest, wie die Frau ihr Kind aus dem Wagen nimmt, um es in den Armen zu wiegen. Ich öffne meine Augen und bemerke, dass sich in der Zwischenzeit dieser Mann zu uns auf den Platz gesetzt hat. Genau wie vorhin, sitzt er auf der Bank neben der Frau. Aus einer nach vorne gebeugten Haltung mit Blick zum Boden setzt er sich nun auf und streckt seine Arme seitlich über die oberste Holzlatte der Bank aus. Während er wächst, erhebt sich die Frau, nimmt eine Decke aus der Babywanne und hängt sich die Wickeltasche über eine Schulter. Sie fragt uns freundlich, ob wir für ein paar Minuten ein Auge auf den Kinderwagen haben können, und zieht sich mit ihrem Kind in die Gemütlichkeit des Stillraums zurück. Der Mann starrt ein kurzes Weilchen auf die geschlossene Tür, zündet sich dann eine Zigarette an, inhaliert einmal kräftig, steht auf, schlendert rauchend weiter über die Kreuzung und die Schnurbaumallee entlang. Während du und ich diese paar Minuten weiter auf der Bank sitzen, platzieren wir noch weitere Stillräume in ganz Lerchenfeld. Der Wind säuselt durch die Baumkronen. Du schaust ihm dabei zu, und irgendwann zeigt dein Finger in eine der Säuleneichen. Dort oben ist ein Nest. Morgen kommen wir noch einmal her und machen aus dem Platz einen wirklichen Park.


Claudia Tondl hat sich dem Raum, der Sprache und der Kommunikation verschrieben. Auf Basis von Beobachtungen entwickelt sie aktuell im Kollektiv tondlhaas ortsspezifische Erzählungen, die Möglichkeitsräume öffnen. Ihre Bühnentexte wurden bisher unter anderen am Volkstheater Wien, WERK X, KosmosTheater und Landestheater Niederösterreich präsentiert und uraufgeführt. Zuletzt veröffentlichte sie das Buch Klosterneuburg sagst du. in der Literaturedition Niederösterreich.

www.tondlschreibt.at

Porträtfoto: Sarah Haas

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

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