Lerchenfeld, literarisch: Warum Napoleon nicht am Strozzigrund war

Von Gornaya

Es gibt Plätze. Und es gibt Plätze. Die einen stehen in den Reiseführern von Marco Polo, Lonely Planet und Konsorten: so der Rote Platz in Moskau, auf dem sich das Denkmal zu Ehren der Nationalhelden Kuzma Minin und Dmitri Pozharsky sowie das Lenin-Mausoleum befinden. Oder der Trafalgar Square in London, der an den britischen Sieg in der Schlacht von Trafalgar durch Admiral Nelson erinnern soll. Der Place Charles de Gaulle in Paris mit dem Triumphbogen oder der Place Vendôme, wo Napoléon die Siegessäule zu Ehren seiner eigenen militärischen Erfolge errichten ließ. Die Piazza Venezia in Rom mit dem Nationaldenkmal zu Ehren des Königs Vittorio Emanuele II.; dem Vittoriano mussten ein ganzes Stadtviertel und Klostergärten weichen. Der Platz des Himmlischen Friedens in Peking – der größte öffentliche Platz der Welt – mit dem Denkmal für die Helden des Volkes, der Großen Halle des Volkes, dem Nationalmuseum der chinesischen Geschichte sowie dem Mausoleum von Mao Tse-tung. Alle diese Plätze gehören zu den touristischen Hotspots. Sie sind ein Place to be. Sie bilden den Hintergrund für Millionen von Selfies oder Motive für den Ifolor-Kalender, den man den Verwandten zu Weihnachten schenkt. Natürlich in Hochglanz. Und ja, freilich, auch der Heldenplatz, wo Hitler vom Balkon der Neuen Burg herunter bekanntlich den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich verkündete, gehört auf die Liste der großen Plätze mit den großen Namen.

Andere Plätze sind nicht einmal im Stadtplan vermerkt. Der Platz, von dem hier die Rede ist, würde angesichts seiner Bedeutungslosigkeit vielleicht erröten, läge es denn in der Macht eines Platzes, die Farbe zu wechseln; er besitzt nämlich noch nicht einmal einen Namen. Zugegeben, es ist ein kleiner Platz, genau genommen ein sehr kleiner Platz; manch eine:r würde ihm diese Bezeichnung vielleicht sogar absprechen, aber auf die Engstirnigen und die Rechthaberischen – kurz: auf all jene, die die Deutungshoheit über einen Begriff für sich beanspruchen – pfeifen wir. Hier, auf dem Strozzigrund, wo die Strozzigasse, die Pfeilgasse und die Zeltgasse aufeinandertreffen, entscheidet jede:r selbst, was es mit dem No-name-Platz auf sich hat. Sicher scheint nur, dass es sich nicht um einen Ort des Durchgangs handelt. Nein, hier hält man inne, aber nicht, weil die Ampel auf Rot gesprungen ist oder sich die Schnürsenkel gelöst haben.

Während der Arc de Triomphe unbestritten das Zentrum des Place Charles de Gaulle bildet, fällt es bei diesem Platz schwer, einen Mittelpunkt auszumachen. Alles ist eine Frage der Perspektive. Kommt man die Zeltgasse hoch, stößt man linkerhand auf den Wiener Würstelstand mit dazugehörendem Strand – dem Lerchenfelder Lido. Der Lido ist im Sommer tagsüber eine Sandkiste für die Kleinen, abends ein Bocciaplatz für die Großen. Einige Schritte neben dem Würstelstand, im Schatten eines Baumes, dessen Äste die Hausmauer hochwuchern, befinden sich eine Telefonzelle, vis-à-vis die Café-Bar Zimmerservice, die Verlängerung des Platzes bildet das Pfeilheim-Areal, wo in drei Häusern mehrere Hundert Studierende wohnen. Aber grundsätzlich sind viele Wege und Blickrichtungen möglich: Von der Telefonzelle über den Würstelstand ins Studierendenwohnheim, vom Studierendenwohnheim in die Café-Bar Zimmerservice, von der Café-Bar in die Telefonzelle. Auch kreuz und quer ist denkbar. Oder ein unentschlossenes Hin und Her, ein zögerliches Weder-Noch. Piaget, Jaeger-LeCoultre, Cartier, deren Geschäfte den Place Vendôme säumen, sucht man hier vergebens. Dafür kann man im Würstelstand – für die Kleinen – Schaufel und Kübel kostenlos ausleihen. Auch die Bocciakugeln kosten nichts. Und für die Würstel, die aus kleinen Fleischereien aus Wien oder der Umgebung kommen, reichen ein paar Münzen.

Anders als bei den berühmt-berüchtigten Plätzen, die die immergleiche Geschichte erzählen – die Geschichte von großen Schlachten und der ruhmreichen Vergangenheit des Vaterlandes –, bildet dieser Platz die Kulisse für täglich neue Geschichten. Die Menschen eignen sich den Platz auf ihre je eigene Weise an.

Eine junge Frau, sommerlich bekleidet, mit Sonnenbrille und schwarzen Haaren, Pagenschnitt, die Haare hinter die Ohren gekämmt, wirft einen Blick auf die stets wechselnde Szenerie. Von riesigen Blättern umgeben beugt sie sich aus schwindelerregender Höhe über den Platz. Es handelt sich um ein 400 Quadratmeter großes Wandbild, das H&M in Auftrag gegeben hat. Das Motiv stammt aus der diesjährigen Kollektion und zeigt Zinnia Kumar, Model und Umweltaktivistin, die sich für nachhaltige Mode einsetzt. Aber das muss man eigentlich gar nicht wissen. Viel wichtiger ist, dass es kein Putin ist, kein Xi Jinping oder Franz Josef, der seine Untertan:innen mit strengem Blick von oben herab anschaut und von ihnen Ehrfurcht, Gehorsam und Stolz einfordert.

Auf die Rhetorik bedeutender Staatsmänner und Feldherren kann man am Würstelstand getrost verzichten und auch darauf, angesichts nationaler Größe in Andacht zu erstarren oder sich von ihr den Geist vernebeln zu lassen. Da sind der Bandscheibenvorfall der Schwiegermutter, der Baulärm vor der eigenen Wohnung oder die Tochter, die eben eine Anstellung als Mathematiklehrerin bekommen hat, schon eher ein Thema. Wem der Sinn aber doch nach Höherem steht, darf über die eines Würstelstands durchaus angemessene Philosophie „die wurst ist kunst und kunst ist wurst“grübeln. Und falls man nicht nur mit seinem Wurst-Latein am Ende ist, sondern auch der Handyakku leer ist, lässt es sich elegant in die Telefonzelle hinüberwechseln, diesem Relikt aus einer anderen Zeit. Wer weiß, ob hier nicht Johanna ihrem Chef mitgeteilt hat, dass sie den Job an den Nagel hängt, um auf einer griechischen Insel eine Kommune zu gründen, oder Pavel den Friseurtermin abgesagt hat, weil er, bei einer veganen Bosna mit Austernpilzen und einer Flasche Augustiner Bier, gerade eine Bekanntschaft gemacht hat, die den neuen Haarschnitt zur Nebensache werden lässt? Liebe geht schließlich durch den Magen. Manche versprechen sich sogar was, hier, an diesem Würstelstand, glaubt man Einträgen auf Facebook. Und warum sollte man diesen weniger glauben als den Heldengeschichten, die einem anderswo aufgetischt werden? Vergessen wir nicht, dass das Reiterdenkmal zu Ehren des Feldherrn Erzherzog Karl auf dem Heldenplatz errichtet wird, obwohl man 1860 in Solferino eben erst die Schlacht gegen Italien verloren hat. Und wer sagt uns, dass die auf großen Plätzen verehrten Toten tatsächlich für dieselbe Sache gestorben sind, wofür die überlebenden Denkmalstifter werben?

Aber reden wir nicht von den Toten! Denn wahrscheinlicher und vor allem auch schöner ist der Gedanke, dass Pavel, Maximilian, Zeynep oder Dunja nach der unverhofften oder langersehnten Begegnung vor dem Würstelstand das Gespräch an einem intimeren Ort fortsetzen und am Morgen Seite an Seite erwachen.

Im Café-Bistro Zimmerservice lockt dann das Frühstück namens Stundenzimmer, bei dem einem nicht nur ein Butterbrot und ein Espresso serviert wird, sondern auch die Zigarette – natürlich nur, wenn man die lästige Zeit der Unmündigkeit hinter sich hat. Wer denkt da nicht an Jean-Paul Belmondo, wie er sich, mit nacktem Oberkörper und Zigarette zwischen den Lippen, lässig im Bett hinlümmelt? Andere entscheiden sich möglicherweise eher für das Frühstück mit dem Titel Zimmer mit Aussicht, weil sie sich für das, was der Tag allenfalls von ihnen abverlangen wird, ausreichend stärken wollen oder weil sie für den flüchtigen Moment und das Abenteuer wenig übrighaben. Bei Sauerteigbrot und französischem Croissant, hausgemachter Marmelade, Nougatcreme und Porridge mit Früchten träumt Sigi vielleicht davon, dass sich die Geschichte, die der gleichnamige Film von James Ivory erzählt, irgendwann im eigenen Leben abspielt. Die Komödie nimmt ihren Anfang mit einem Zimmertausch. Dem fatalen Zimmertausch folgt ein Ohnmachtsanfall, ein unerlaubter Kuss im Kornfeld, der Versuch, diesen unerlaubten Kuss zu vergessen und das unausweichliche Happy End, weil die Liebe am Ende doch obsiegt; über das standesgemäß Opportune und einen ebenso manierierten wie langweiligen Verlobten. Allein, der Glaube an ein Happy End ist nicht jedermanns Sache. Das ist aber kein Unglück: Das Frühstück, das sich Einzelzimmer nennt, sei all jenen empfohlen, die nicht auf Romanzen stehen oder eine solche gerade hinter sich haben und darum an ebendiese nicht erinnert werden möchten, deren Anruf in der Telefonkabine erfolgslos war, die eine Nacht allein mehr als gut gebrauchen können oder grundsätzlich der Meinung sind, dass es sich allein am besten schläft: kein Schnarchen, kein Wecker, der zu unanständiger Zeit klingelt, keine Grundsatzdiskussion morgens um sieben über die Ausrichtung der Zahnbürsten oder, seit Neuestem, das Impfen.

Es ist also keineswegs immer klar, wo und wie eine Geschichte ihren Anfang findet – ob überhaupt – und wo sie endet, ob der Moment eine Bedeutung hat oder die Leichtigkeit einer Wolke besitzt. Grundsätzlich ist alles erlaubt, solange man Rücksicht nimmt. „Nicht so laut! Nicht so laut! Deine Eltern schlafen schon“, mahnt ein Schild im Fenster der Café-Bar; man ist eben nicht allein auf der Welt. Einfühlungsvermögen ist also gefragt und Solidarität. Und auch wenn man sich die Eltern bekanntlich nicht aussuchen kann – von Feinden ist hier nirgends die Rede.

Ja, dieser Platz wird es wohl kaum je in die Top Ten der touristischen Sehenswürdigkeiten Wiens schaffen, geschweige denn in die Chronik der österreichischen Republik. Es wird sich hier nie ein Grabmal des unbekannten Soldaten und der Altar des Vaterlandes finden, wie es bei vielen nationalen Denkmälern üblich ist. Und das ist gut so. Im besten Fall wird die Telefonzelle demnächst mit einem Defibrillator ausgerüstet, wie es bereits in mehreren Bezirken Wiens geschehen ist. Denn am Ende zählen das Leben und die Lebenden, nicht die Toten. Auch wenn die Lebenden nichts Ruhmreiches oder Heldenhaftes vorzuweisen haben, auch wenn aus ihnen überhaupt nichts geworden ist. Und das mit den Namen ist eh so eine Sache: Bis heute ist zum Beispiel nicht klar, wie es überhaupt zum Namenswechsel von Äußerer Burgplatz zu Heldenplatz gekommen ist; aus dem Amtlichen Straßenverzeichnis verschwand der Burgplatz nämlich erst 1975. Und auf dem Platz des Himmlischen Friedens fand 1989 das Tian’anmen-Massaker statt, das die chinesische Regierung lapidar, aber mit Absicht „Zwischenfall vom 4. Juni“ nennt. Die Tian’anmen-Mütter, eine Gruppe chinesischer Demokratieaktivist:innen, kämpfen zwar gegen das vom Regime organisierte Vergessen an, aber zumindest in der Heimat stehen sie offenbar auf verlorenem Posten. Apropos Zeit und Vergänglichkeit: Das Studierendenheim an der Pfeilgasse 1a wird gerade saniert, weil es eben in die Jahre gekommen ist. Nix ewige Schönheit. Aber die Ewigkeit ist ja auch etwas zutiefst Unmenschliches; die Ewigkeit ist etwas für Götter und Heroen. Falls man also irgendwann des Platzes überdrüssig werden sollte, bieten sich in allernächster Nachbarschaft genügend andere Verweilmöglichkeiten; der Platz ist großzügig, er fordert nicht die alleinige Aufmerksamkeit ein. Der Besuch im Fan-Shop Strobl wird jedes Fußballer:innenherz höherschlagen lassen, in die Buchhandlung Erlkönig oder ins Puppentheater Marijeli mag es die musischen Menschen verschlagen. Und die junge Frau in ihrem sommerlich-luftigen Outfit? Gleich wird sie sich aufrichten und ihrer Wege gehen.


Gornaya, deren künstlerische Wurzeln in Riga liegen, ist in der Nähe von Basel aufgewachsen. Sie ging nach der Matura nach Israel, studierte danach in Basel Germanistik und Geschichte und zog mit 23 Jahren nach Düsseldorf, wo sie in Literaturwissenschaft promovierte. Früh begann Gornaya auch mit dem literarischen Schreiben, realisierte szenische Lesungen und andere künstlerische Projekte, wobei ihr Interesse stets vor allem spartenübergreifenden Arbeiten galt. Am Konzert Theater Bern, wo sie in der Spielzeit 2016/2017 Hausautorin war, wurden eine musikalisch-literarische Soirée über den Schweizer Komponisten Friedrich Theodor Fröhlich, Island. Als Freunde sind wir erbarmungslos sowie die Jazz- Liederabende Tresor uraufgeführt. Ihr Stück Nanjing. The Future wurde 2017 am Wiener Volkstheater uraufgeführt. In der Spielzeit 2020/21 fungierte Gornaya als Mentorin im Förderprogramm Schreibstoff des Theaters an der Effingerstrasse. Ende Oktober 2021 hatte hier ihre Bearbeitung von Dürrenmatts Der Besuch der Alten Dame Premiere.
2018 wurde Gornaya mit dem Literaturpreis des Kantons Bern sowie dem Berner Schreibstipendium ausgezeichnet. 2019 folgte das Schreibstipendium des Kantons Bern für ihren Roman Hadir.

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

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