Unternehmer*innen im Porträt: Heidelinde Haas von der „Füllbar“

„Ich bin ja eine One-woman-Show“

Ökologisch nachhaltige „Reinigung vom Körper bis zum Boden“, so könnte man ganz salopp das Motto der 2015 an der Lerchenfelde Straße 55 eröffneten „Füllbar“ beschreiben. Die Idee und das Konzept dafür hatte Heidelinde Haas, die bis heute auch zu den Öffnungszeiten persönlich in ihrem geschmackvoll-unaufdringlich dekorierten, dicht befüllten kleinen Geschäftslokal anzutreffen ist. Ein Gespräch mit ihr eröffnet eine ganze Welt an Erfahrungen und kleineren wie größeren Lebensbausteinen, welche die in Wien geborene und teilweise in Niederösterreich aufgewachsene Lerchenfelder Zero-waste-Pionierin in die Welt der gelebten biologischen Nachhaltigkeit geführt haben. Wie farbenfroh und aufregend das ökologische Pflegen und Putzen sein kann, erfährt man, wenn man mit Heidelinde Haas ins Gespräch kommt.

Fotos: Berenice Pahl

Heidelinde Haas: Green Pioneer aus Überzeugung.


Wild gejobbt und sanft studiert

Geboren wird Heidelinde Haas in Wien, genauer im 22. Bezirk, doch dann zieht sie mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester in die Nähe von Korneuburg. Das ist für die Jugendliche alles andere als ideal. „Denn ich bin noch in Wien ins Gymnasium gegangen“, und natürlich ist Wien ihr sozialer Angelpunkt, damals wie heute. Trotz der mühsamen Anfahrt maturiert sie mit Erfolg und beginnt auch sofort danach zu studieren. Denn der eigentliche Wunsch – der Eltern – ist, dass „Heidi“ in die Firma des Vaters, einen vor allem in Mittelosteuropa gut vernetzten internationalen Handelsbetrieb für Büroartikel, einsteigen und diesen auch übernehmen soll. „Meine Schwester hat damals schon Psychologie studiert, und so lag die große Hoffnung allein bei mir.“ Ein Druck, den sich Heidelinde Haas zuerst auch selbst auferlegt und an der WU mit dem Studium der Handelswissenschaft beginnt. Doch „das war so gar nicht meine Welt und ich habe einfach nicht dorthin gepasst.“
Die wilden Jahre beginnen gerade zu dieser Zeit, und die begeisterte Motorradfahrerin, die später auch den LKW-Führerschein macht, beendet diesen ersten Studienversuch rasch wieder und wechselt zu „Biologie und Psychologie – und Wirtschaftsinformatik. Das war das ,Abgefahrenste‘ damals und ehrlicherweise so gar nichts für mich. Aber ein paar Prüfungen habe ich tatsächlich absolviert und daneben als Kellnerin und Köchin gearbeitet.“ Dass sie die elterliche Firma nicht übernehmen wird, ist bereits zu diesem Zeitpunkt allen klar. Dass sich in den kommenden Jahren ihre berufliche Leidenschaft auf das gehobene Rock’n’Roll-Business konzentrieren wird, ahnt damals hingegen wohl kaum jemand. Aber mit einiger Sicherheit ist es diese „Power“, die bis heute ungebrochen in ihr rumort, die Heidelinde Haas auf die folgenden wilden Reisen und Aufritte begleitet – als „Roadie“ von Guns and Roses über Bon Jovi bis Michael Jackson, um nur einige zu nennen, denen sie in den kommenden Jahren „Backstage“ in unterschiedlichen Funktionen zur Seite steht. Von dort geht es für die damals Mitte-20-Jährige gleich weiter zu Jobs bei Aida, in einer Zivilingenieursfirma und – „für viele Jahre“ – beim Wiener Adventzauber in der Volkshalle des Rathauses. Ist sie hie und da „between jobs“, dann nutzt Haas die Angebote des AMS und eignet sich so ziemlich alles an, das sie heute für ihren eigenen Laden braucht: von der Betriebswirtschaft über den EDV-Führerschein bis hin zu Business-Englisch und Maschinschreiben. „Das hat mir wirklich Spaß gemacht – und das Schöne dran war, dass ich gleich nach dem Ende der Ausbildung selbst zu unterrichten begonnen habe, und zwar für den EDV-Führerschein.“ Die folgenden Jahren arbeitet sie mit Erfolg als Trainerin und für zwei renommierte Weiterbildungsinstitute, doch dann zieht es die Unermüdliche wieder weiter. Und tatsächlich beginnt sie erneut ein Studium – Sozialarbeit an einer Fachhochschule. „Und das entsprach mir mehr. Es war berufsbegleitend, das heißt, ich konnte weiterhin meinen beruflichen Weg gehen, und es war ,schulischer‘ organisiert, sodass ich eine feste Zeiteinteilung hatte, was mir sehr geholfen hat, um mir meinen Alltag damals gut zu strukturieren.“

Sozialpädagogin und genaue Beobachterin

Nach vier Jahren schließt Haas diese Ausbildung mit Erfolg und einem Magistra-Titel ab und beginnt bereits während des Studiums schon in diesem Beruf zu arbeiten. Sie spezialisiert sich zuerst auf den Drogenbereich, arbeitet im Empfang und später in der Erstbetreuung für bekannte Wiener Einrichtungen, um von dort in den kommenden Jahren in eine Wohngemeinschaft des Jugendamtes für minderjährige Mädchen zu wechseln. Die Arbeit als Sozialpädagogin ist überaus herausfordernd und oft auch sehr belastend, und die Mädchen, denen sie hier begegnet, fordern sie täglich oft bis an die Grenzen des Möglichen. Und doch betont sie im Gespräch: „Diese Einrichtung ist absolut wichtig für die Mädchen, denn hier wird ihnen ihr Schlafplatz auch über Monate garantiert. Dieser bedingungslose Platz, der für sie da ist und offen steht, ist für viele der betroffenen Mädchen der letzte Ort, an den sie noch kommen können. Und dass sie einen Ort haben, an den sie (zurück-)kommen können, egal, wie sie sind und warum sie so geworden sind, wie sie eben sind, das ist schon unglaublich wichtig und notwendig und das habe ich sehr zu schätzen gelernt. Doch letztendlich war das auch nicht ,mein‘ Weg.“
Fast drei Jahre bleibt Heidelinde Haas hier, dann ist für sie klar, dass sie sich wieder ganz neu orientieren will und muss. Die Erfahrungen im Zuge der an das Ende ihrer Zeit im Mädchenwohnheim angeschlossenen längeren Reise nach Indien – unter anderem die Müllberge, denen sie auch dort begegnet – geben ihr schließlich den Impuls, einen ganz neuen Weg einzuschlagen.


„Seit drei Jahren bin ich nun hier – obwohl noch immer Menschen vorbeikommen und anklopfen und fragen, ob ich hier neu bin …“
Heidelinde Haas


Zero-waste-Pionierin im Werden

Eine Freundin empfiehlt ihr einen Lehrgang, der sich „Pioneers of Change“ nennt und in dessen Rahmen sie im Laufe des folgenden Jahres ihr Projekt eines „Zero-waste-Shops zur Reife bringt“. Die Ursprungsidee ist dabei, ausschließlich Kosmetika zum Nachfüllen anzubieten, „Bodylotion, Haarshampoo, Cremen … denn bereits, als ich in der Mädchen-WG gearbeitet habe, habe ich gesehen, wie viel sich hier an Plastikmüll nur in dieser einen Wohnung mit 12 Mädchen angesammelt hat! Aber auch das Geschirrwaschmittel wurde immer nur in diesen kleinen Plastikflaschen gekauft, die dann binnen weniger Tage schon wieder zu entsorgen waren. Für mich, die ich immer schon darauf geachtet hatte, dass wir möglichst wenig Müll erzeugen, war das zum Teil fast unerträglich, und es war ein kleiner, aber für mich wichtiger Schritt, dass ich in meiner Zeit dort durchsetzen konnte, dass wir zumindest das Spülmittel in Dreiliterflaschen gekauft haben. Wie weit diese Vision einmal reichen würde, das war mir selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.“ Das Know-how zum Thema Upcycling wiederum verdankt sie einer lieben Freundin, Eva. K, die schon seit vielen Jahren ganz unterschiedliche Materialien im Artrecycling zu neuem Leben erweckt. Und auch dieses Wissen kann sie in ihrer Zeit bei den „Pioneers of Change“ weiterentwickeln und professionalisieren. An den einjährigen „Lerngang“ schließt Haas noch ein vom AMS finanziertes Unternehmensgründungsprogramm an, und am 1. Juni 2015 ist dann endlich auch der Gewerbeschein gelöst.
Zu Beginn arbeitet sie von zuhause aus, an diese erste Zeit des „hidden shopping“ mit ihrer vorerst noch kleinen Produktpalette erinnert sich Haas heute noch mit einigem Schmunzeln. „Das habe ich eigentlich aus der Not heraus gemacht, weil es einfach schon damals fast unerschwinglich war, hier in der Gegend – ich wohne in Neubau und wollte nahe meiner Wohnung auch arbeiten – ein Geschäftslokal zu finden.“
Die ersten Erfolge mit dem Vertrieb von den ökologischen, nachfüllbaren Produkten von Uni Sapon, dem bis heute bestehenden erfahrenen Partner aus Vorarlberg, haben sich bereits eingestellt, als eines Tages, völlig unerwartet, eine Mail der WKO kommt, dass es ein Lokal in der Nähe gäbe. „Ich habe es mir sofort angesehen – es hat gepasst und ich habe den Zuschlag bekommen.“ Es ist ihr erstes eigenes Geschäft auf der Lerchenfelder Straße 55 – und dasselbe Gebäude, in dem Haas auch heute ihre „Füllbar“ betreibt, nur ein Geschäft daneben – „und zirka ein Drittel so groß wie mein heutiges Geschäft“. Das WC liegt am Gang und muss mit dem alteingesessenen Greißler daneben geteilt werden, aber dafür ist es günstig, und die anderen Unternehmen rund um sie herum empfangen Heidelinde Haas mit großer Offenheit. „Am 29. Juni 2016 bin ich in mein erstes eigenes Geschäft eingezogen und zwei Jahre lang hier geblieben, ehe von meiner damaligen Nachbarin, die ein Wollgeschäft führte, das Angebot kam, ihr Lokal nebenan zu übernehmen, das fast dreimal so groß ist. Und seit drei Jahren bin ich nun hier – obwohl noch immer Menschen vorbeikommen und anklopfen und fragen, ob ich hier neu bin …“


Regional und Regionen verbindend

Schon im ersten, kleinen Geschäft erweitert Heidelinde Haas ihr Angebot rasch – und damit auch ihre Kooperationen. Ihr Motto dabei ist, so „regional wie möglich, aber auch Regionen verbindend“ zu agieren. Die Wasch- und Putzmittel kommen aus Vorarlberg, das „Achselkuss“-Deo und die Feinkost aus Wien, Bürsten und Besen aus dem Burgenland und Deutschland. Die feinen, kleinen Dinge, die durch Upcycling hergestellt werden, Ketten, Taschen, Shopper, aber auch wunderbar fragile, mit alten Knöpfen dekorierte Haargummis, stammen durchwegs von der Gründerin selbst. „Ich schaue schon, dass meine Ware nicht von irgendwo her kommt, sondern so nahe wie möglich und so ökologisch wie möglich hergestellt wird.“ Eine Ausnahme in ihrem Sortiment stellen die hochwertigen Aleppo-Seifen von Noble Soap dar, deren Hauptsitz heute in Österreich liegt, die Produktion aber zwischen Österreich und der Türkei stattfindet, da die Familie, die die Seifen produziert, aus Syrien fliehen musste und die dortige Produktionsstätte zerstört wurde. Haas hat sich für die berufliche Kooperation entschieden, weil sie von der Qualität der Produkte überzeugt ist und weil sie damit den Wiederaufbau dieses „Vintage-Start-ups“ unterstützen kann. Auf die Frage, wie sie ihre Partner*innen findet, erzählt die Unternehmerin, dass das gar nicht so einfach ist. „Ich habe viel recherchiert zum Thema nachfüllbare bzw. unverpackte Putzmittel und auch einige Firmen persönlich an ihren Produktionsorten besucht. Ich habe mich aber auch mit Kolleg*innen, die ebenfalls in diesem Bereich arbeiten, intensiv ausgetauscht und wertvolle Informationen bekommen.“ Und auf die Frage, welche Produkte ihr besonders am Herzen liegt, folgt erneut eine ihrer ehrlichen Antworten: „Ich schau immer, was ich für mich selbst, für meinen ganz persönlichen Alltag, unverpackt kaufen würde, zum Beispiel auch mal Toilettenpapier unverpackt oder ein Geschirrspül-Bürsterl ohne Plastik. Dann gehe ich auf die Suche danach, um es hier im Geschäft auch für andere anbieten zu können – und so wächst mein Sortiment stetig. Daher verkaufe ich nur Produkte, die ich selbst verwende oder zumindest getestet und für gut befunden habe.“


Wachsender Kund*innen-Stamm

Und es kommen auch immer mehr Menschen, die ihren alltäglichen Bedarf bewusster abdecken wollen. „Die Füllbar ist von den Kosten her im Mittelfeld angesiedelt, man lernt aber auch, sparsamer mit Produkten umzugehen, denn man verwendet im Grunde viel mehr, als man müsste, egal, ob das nun das Spülmittel ist oder das Haarshampoo.“ Ein besonderer Reiz dabei ist, dass Haas auch wirklich persönlich präsent ist und die Kund*innen fachgerecht bei allen Fragen betreut. Dabei geht es nicht nur um das Nachfüllen selbst, sondern auch um die Inhaltsstoffe. „Die Menschen schauen heute genauer, was drinnen ist, und das nicht nur, wenn es darum geht, was wir täglich direkt auf unsere Haut cremen, sprühen und aufnehmen. Das ist vielen gar nicht bewusst, und hier im Gespräch Aufklärungsarbeit zu leisten, ist ein schönes Gefühl.“ Auch das ist ein ganz besonderes Angebot, das nicht alle „Zero-waste-Läden“ der Stadt anbieten. „Bei mir ist schon viel Gespräch mit dabei, und das schätzen die Menschen auch, die hierherkommen.“ Manchmal kommt auch einfach jemand vorbei, lässt sich beraten – und kommt nach einiger Zeit wieder, um den Schritt in Richtung „zero waste“ und „unverpackt“ dann endlich wirklich zu tun. Manches braucht eben Zeit.


„Die Lerchenfelder Straße hat einen ganz besonderen Flair, den ich gar nicht benennen kann.“
Heidelinde Haas


Das Bankerl vorm Geschäft

Die Lerchenfelder Straße selbst hat Heidelinde Haas sofort ins Herz geschlossen. „Alle waren vom ersten Moment an sehr nett, die Buchhandlung, die Prosecco-Bar, der Obst- und Gemüsehändler und viele andere mehr. Und wenn das Wetter es erlaubt und nicht so viel zu tun ist, dann setze ich mich auch sehr gerne einfach vor mein Geschäft und schaue dem regen Treiben auf der Straße zu. Es geht permanent jemand vorbei, und das, obwohl es mit dem Verkehr und der Straßenbahn natürlich auch relativ laut ist. Aber dennoch hat die Lerchenfelder Straße einen ganz besonderen Flair, den ich gar nicht benennen kann.“
In den fünf Jahren, in denen Heidelinde Haas hier arbeitet, hat sich die Situation auf jeden Fall zum Positiven entwickelt. Damit meint sie nicht nur die steigenden Kund*innen-Zahlen, sondern vor allem das wachsende Bewusstsein, wie notwendig es ist, ökologisch nachhaltig und damit umweltschonend und welterhaltend zu leben und einzukaufen. „Natürlich würde ich mir, nicht nur meines Betriebes wegen, wünschen, dass es noch schneller geht, aber die Menschen freuen sich, dass es mein Angebot hier gibt – und dass es funktioniert. Ja, es funktioniert!“
Die Covid-19-Pandemie hat Heidelinde Haas genutzt, um ihren Onlineshop notgedrungen aufzubauen, denn eigentlich passt der Onlineverkauf nicht zu ihrem Konzept der kurzen Wege. Eine Lösung war zumindest die „Click-&-Collect-Methode“, dank der Haas nicht alles verpacken und versenden musste. „Und die Putzmittel von Uni Sapon, mit denen ich auch andere Wiener Geschäfte in diesem Segment beliefere, haben mich finanziell über Wasser gehalten. Und da diese Unverpacktläden alle offen hatten, haben sie auch weiter bestellt, ohne diesen Vertrieb wäre es schwierig gewesen …“
Eine der Ideen für die kommenden Jahre ist, die „Füllbar“ zu einem Franchise-Unternehmen wachsen zu lassen. Doch im Moment ist es perfekt, so wie es ist, und die Lerchenfelder Straße der ideale Ort, um gut weiterzuwachsen. „Ich bleibe in dem Sektor, in dem ich begonnen habe, und will das auch im Moment gar nicht ändern, denn ich bin ja eine One-woman-Show und muss das alles hier allein organisieren, vom Ankauf über den Verkauf und Vertrieb bis zur persönlichen Beratung.“


Füllbar
Mag.a Haas Heidelinde
Lerchenfelder Straße 55, 1070 Wien
https://fuellbar.at/
facebook.com/heidisfuellbar
https://www.instagram.com/heidisfuellbar/

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

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