Unternehmer*innen im Porträt: Günter Garger

Der Möbelzauberer

Günter Garger lebt und arbeitet seit bald einem Vierteljahrhundert im Lerchenfeld. Wie sehr er sich in diesen Jahren mit seinem Lebens- und Arbeitsort verbunden hat und warum es ihm beim Slogan von der „Work-Life-Balance“ die Haare aufstellt, erzählte der Gründer und Leiter des Handwerksbetriebs „holzundstahl“ in der Schottenfeldgasse 90 beim ersten Interview der neuen Reihe Unternehmer*innen im Porträt.
Fotos: Berenice Pahl (4), Günter Garger (5)


Der Werkzeugkeller des Großvaters

Die Affinität zum Handwerken verdankt Günter Garger seinen Großeltern aus Admont, bei denen er aufwuchs. Den Vater kannte er nicht, schlug aber unbewusst denselben Berufsweg ein, erzählt er. Bewusst beruflich geprägt haben ihn hingegen die Großeltern. „In unserem Keller stand ein alter Spind aus Holz. In den Fächern stapelten sich Schachteln mit Feilen, Zangen, Schraubenziehern, Stanzen, Schnitzeisen und verschiedenstem anderen Werkzeug. Mein Opa war Werkzeugschlosser, ein Tüftler, und auch meine Oma hat immer an irgendetwas herumgebastelt. Beide waren, jeder auf seine Weise, talentierte Handwerker. Ich denke, diese Leidenschaft setzt sich in mir fort. Ich arbeite heute noch täglich mit vielen Werkzeugen aus ihrem Fundus. Da sind Sachen dabei, die sind einzigartig und wunderschön gestaltet. Sowas findet man heute in dieser Art nicht mehr.“

Die unsteten Jahre

In Saalfelden begann auch die zweite persönliche Leidenschaft des damals Sechzenjährigen: die Rockmusik. Und Obwohl Günter Garger keinerlei Schlagwerk-Ausbildung hatte, stieg er mutig in die Band eines Freundes als Schlagzeuger ein. Erste musikalische Erfahrungen hatte er zwar in der Blasmusikkapelle von Admont als Klarinettist gesammelt, doch der Einstieg in einer Hardrock-Band war einer dieser Schritte, die früh schon Günter Gargers Neugier und Mut für immer Neues und Unbekanntes unter Beweis stellten. Und: „Es hat geklappt! Von da an war die Musik eigentlich mein Lebensinhalt.“ Die Band startete im Pinzgau ziemlich durch – und „Crossroad“, wie die für ihren deftigen und knallharten Rock bekannte Gruppe sich nannte, gibt es noch heute. Mit der Schulleistung ging es von da an freilich „steil bergab. Doch ich wollte in Saalfelden bleiben, um weiter in unserer Band spielen zu können, und da hat mich meine Mutter damals sehr großzügig unterstützt und in meinem Wunsch auch bestärkt, wofür ich ihr bis heute sehr dankbar bin, und so konnte ich eine Lehre beginnen und parallel dazu meine Tätigkeit als Musiker weiterverfolgen.“

Garger lernte in den kommenden Jahren den Beruf des Spenglers und Dachdeckers, absolvierte anschließend an seine Lehre das Bundesheer und pendelte in den folgenden Jahren zwischen Lehre und Musik, Saalfelden und Wien und bald schon Salzburg und Wien hin und her. Mit 23 Jahren zog es Günter Garger weiter in einen in Pressbaum beheimateten Betrieb für Messebau und Grafik. Hier hat er auch das Material Holz näher kennengelernt, das neben dem Stahl heute zu seinem zentralen Element geworden ist. „Die ersten Jahre meines Berufslebens habe ich tatsächlich fast ausschließlich in der Plattentischlerei gearbeitet, das heißt, mit fertigen Flächen wie Sperrholz, Spanplatten oder MDF. Erst später kam das Massivholz dazu – und ab dem Moment, an dem ich begonnen habe, selbstständig zu arbeiten, konnte ich diese beiden Materialien dann endlich in der Art, wie ich es mir erträumt habe, zusammenführen.“

Aus den ursprünglich geplanten zwei bis drei Wochen Aushilfe im Pressbaumer Betrieb wurde 1986 ein halbes Jahr, in dem Günter Garger die Werkstatt neu strukturierte und schließlich auch deren Leitung übernahm. „Als ich meinen damaligen Arbeitgeber nach vielen Jahren wieder traf, hat er mir erzählt, dass er noch immer mit derselben Ordnung arbeitete, die ich damals in seiner Werkstatt eingeführt hatte.“

Vom Souterrain ins Lerchenfeld

Obwohl die Arbeit herausfordernd und vielseitig war, war schon bald der nächste Schritt angesagt, denn Günter Garger und ein dortiger Arbeitskollege entschieden sich für den gemeinsamen Schritt in die Selbstständigkeit. Noch immer pendelte Günter Garger damals zwischen Salzburg und Wien, doch bereits mit den ersten größeren Aufträgen – „ich war damals noch der Handwerker, der Praktiker, mein Geschäftspartner der kreative, gestalterische Part“ – wurde klar, dass Wien der neue Lebensmittelpunkt werden sollte.

Nachdem die Aufträge sich binnen weniger Monate rasant mehrten, folgte auch der erste gemeinsame feste Standort unter dem Label „katapult“ im 18. Bezirk, damals noch ein kleiner Souterrainladen, und danach der nächste, bereits etwas größere Standort im 5. Bezirk. „Das war immer noch im Souterrain. Das war der Zeitpunkt, so um 1989, 1990, an dem ich entschieden habe: Ich bleibe in Wien – so für fünf Jahre, das war damals mein Plan.“

Doch der Erfolg des Unternehmens, das sich rasch auf detailgenaue und zeitlose Arbeiten mit den beiden Materialien Holz und Stahl spezialisierte, erlaubte es, nach weiteren erfolgreichen Jahren den nächsten großen Schritt zu wagen und das große ebenerdige Straßenlokal in der Schottenfeldgasse 90 zu übernehmen. 1990, einige Jahre nach der Schließung der kleinen Supermarktfiliale des Meinl-Ablegers „Renner“, war es kaum vorstellbar, dass in dem dunklen Schlauchlokal mit seinen abgehängten Decken, verbarrikadierten Fensterfronten und der lieblosen Verschalung ein Traum von Geschäftslokal entstehen würde. „Die Atmosphäre war düster und elend, aber wir haben das Potenzial der Räumlichkeiten erkannt.“ Was aus diesem Ort geworden ist, davon kann man sich bei einem Besuch selbst ein Bild machen.

Seit 2014 führt Günter Garger „den Standort in der Schottenfeldgasse 90* als Kollektivwerkstatt** mit zwei weiteren Möbelbauern und einem Künstler“. Auch der Arbeitsschwerpunkt des seither unter dem Namen „holzundstahl“ tätigen Möbelbauers hat sich in den vielen Jahren seiner beruflichen Laufbahn verlagert: „Anfangs war ich stark im Messebau tätig, danach kamen vor allem Firmenkunden und Geschäfte, und heute arbeite ich gerne und viel mit Privatkunden und Privatkundinnen, und meine Aufträge sind nicht mehr so umfangreich und groß, was ich sehr genieße.“

Klein, das heißt, dass Günter Garger auch schon mal auf Anfrage ein „Stockerl oder ein Schuhkasterl“ kreiert – aber meistens sind die Aufträge der Privatkunden dann doch größer und reichen von handgefertigten Tischen über Küchen bis zu kompletten Raumgestaltungen. Danach gefragt, ob sein Herz für eines der beiden Materialien mehr schlägt, ist sich Günter Garger nicht sicher: „Ich muss nicht immer mit beiden Materialien arbeiten, und oft lassen mir die Auftraggeber*innen freie Hand und ich kann selbst entscheiden, womit ich im Moment und für den konkreten Auftrag lieber arbeiten will.“


„Wenn du einen Esstisch baust und weißt, dass den noch die Enkelkinder deiner Kund*innen nutzen werden, dann ist das einfach schön.“ Günter Garger



Viel an dieser Freiheit, die für Günter Garger mit den Jahren immer wichtiger wurde, liegt auch daran, erzählt der sympathische Lerchenfelder Unternehmer, dass „ich die Fähigkeit habe, weit auf die Menschen einzugehen. Und das wiederum spüren meine Kund*innen und schätzen das auch sehr.“ Zu den schönsten Momenten für ihn zählt bis heute immer jener, wenn am Ende eines Projektes die Auftraggeber*innen sagen, „dass es noch schöner geworden ist, als sie es sich vorgestellt haben. Dann merk’ ich: Ich hab’s erwischt – und ich hab’ vor allem die Qualität des Raumes erfasst. Wenn ich für private Kund*innen arbeite, entsteht im besten Fall eine persönliche Bindung, und das ist für mich sehr erfüllend und macht mich glücklich.“
Dass er keinen klassischen Handwerksbetrieb aufbauen würde, war für den kreativen Möbelkünstler von Beginn an klar – und selbstbewusst nennt er seinen Betrieb heute auch „Werkstatt für Möbelbau“.

30 Jahre im Lerchenfeld

Wenn man Günter Garger heute danach befragt, wie er das Lerchenfeld in Erinnerung hat, in das es ihn vor 30 Jahren – zuerst privat und seit fast einem Vierteljahrhundert auch als Unternehmer – gezogen hat, muss er ein wenig nachdenken, eher er zu erzählen beginnt: „Wenn ich mich an den Bezirk zurückerinnere, dann war Neubau damals grau – und irgendwie verstockt. Aber ich habe damals in der Laudongasse gewohnt und mein Partner in der Kaiserstraße, und so war für uns beide klar, dass wir einen Platz suchen wollten, der für beide gleichermaßen in der Nähe lag. Und als wir diesen Ort dann gefunden haben und die damalige, leider schon verstorbene Hauseigentümerin von unseren Plänen begeistert war, hat uns das darin bestätigt, hier sesshaft zu werden.“

Über die Jahre ist Günter Garger ein Lerchenfelder „Urgestein“ geworden und kennt zahlreiche Unternehmer*innen an der Lerchenfelder Straße, auch wenn die viele Arbeit es ihm selten erlaubt hat, sich stärker einbringen zu können. Was ihm aber wichtig ist, das ist der persönliche Kontakt – zu seinen Kund*innen ebenso wie zu den anderen Unternehmer*innen, den Anrainer*innen und Nachbar*innen, mit denen er freundschaftlich verbunden ist. Seit einigen Jahren lebt Günter Garger direkt über seiner Werkstatt. „Für mich war es immer der Traum, am selben Ort zu leben, an dem ich auch arbeite. Und beim Begriff Work-Life-Balance stellt es mir jedes Mal die Haare auf, weil das immer so klingt, als würde ich nicht leben, wenn ich arbeite – aber meine Arbeit ist ja mein Leben! Und es ist so bunt und bereichernd, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Eigentlich lebe ich hier unten und gehe nur zum Schlafen die drei Stockwerke hinauf in meine Wohnung.“ Die ist zwar bis auf die Küche auch im kreativen Eigenbau entstanden, aber wirklich „belebt ist es hier herunten, auch, weil wir alle hier jeden Tag füreinander kochen“.


„In den letzten 10, 15 Jahren ist bemerkbar, dass das Bewusstsein für qualitatives Handwerk steigt, und dann macht es auch Freude, etwas zu gestalten.“ Günter Garger


Entdeckungen und Enttäuschungen

Eine besondere Entdeckung war für Günter Garger vor einigen Jahren der Lerchenfelder Bauernmarkt – und das, obwohl dieser quasi vor seiner Nase liegt. „Das hab’ ich meiner Freundin zu verdanken, die mir irgendwann einmal so richtig auf die Füße gestiegen ist und gemeint hat, ,warum kaufst du nicht das Gemüse, das du in der Woche brauchst, hier am Bauernmarkt?‘ Für mich war der Markt zuerst tatsächlich etwas sehr ,Exotisches‘, ich denke, aus einem Einkaufstrott heraus, an den ich mich über die Jahre gewöhnt hatte und aus dem mich meine Freundin wohl erst aufwecken musste – in der Rückschau muss ich es fast als ,konsumatorischen Tiefschlaf‘ bezeichnen. Ich habe es zuerst als Luxus empfunden, diese Vielfalt und Frische direkt vor der Türe zu haben und das auch genießen zu dürfen, es hat irgendwie zuerst nicht ,klick‘ gemacht – und dabei kannte ich alle Händler*innen ja schon persönlich … Mittlerweile decke ich einen Großteil meines Nahrungsbedarfs am Lerchenfelder Bauernmarkt und möchte mir ein Leben ohne nicht mehr vorstellen.“
Auf die Frage, was sich Günter Garger für das Lerchenfeld noch wünschen würde, muss er überlegen. „Es tut sich eigentlich viel, auch in Sachen Begrünung, die so wichtig ist. Aber was die Platzgestaltung im öffentlichen Raum betrifft, bin ich sehr skeptisch. Allein eine 20 Meter lange Betonbank, die sich auch noch zur Straßenseite statt zum Park wendet, den ich insgesamt gestalterisch überhaupt nicht gelungen finde, ist kein Zeichen für eine durchdachte Platzgestaltung, die Menschen zum Verweilen und zum Begegnen einladen soll. Auch in der Zieglergasse stehen Stühle, von denen du, wenn du dich draufsetzt, auf die nackte Hausmauer oder auf ein ,Hofer‘-Plakat schaust.“

Kein Lockdown im Lockdown

Die Monate der Lockdowns hat Günter Garger alles andere als in Ruhe und Stille verbracht. Tatsächlich kamen im letzten Jahr wesentlich mehr Aufträge herein, als er allein bewältigen kann. Viele Kund*innen wollten nun endlich Veränderungen in ihrem persönlichen Lebensumfeld in Angriff nehmen, die schon lange liegen geblieben waren, etwa die Küche umgestalten, die Wohnung „wieder auf Vordermann bringen“ oder sich auch einfach nur einen neuen Schreibtisch gönnen. Der erste Schub an neuen Aufträgen kam im Frühling 2020, der zweite große dann im Herbst. „Ich hab’ in den letzten Monaten so viele Aufträge bekommen, dass ich vor allem entworfen und gezeichnet habe – und jetzt dringend schauen muss, dass die Dinge auch gebaut werden“, schmunzelt Günter Garger über den immensen Workflow der letzten Monate. Wo dann die Covid-19-Pandemie doch immer wieder deutlich wird, sind zunehmende Lieferschwierigkeiten, wenn die beauftragten Firmen ihrerseits coronabedingte Personalprobleme haben. Und: „Was ich privat am meisten vermisse, ist, dass ich einfach hinausgehen kann und mich drüben in den Gastgarten setzen kann nach der Arbeit und mit den Menschen hier plaudern kann.“

Über das Hereinkommen und das Wiederkommen

Fragt man Günter Garger nach der Art der Beziehung, die er im Laufe der Jahre zu seinen Kund*innen aufbauen konnte, kann er viel darüber erzählen, was es heißt, einen Ort gestaltet zu haben, der zum Hereinkommen einlädt, zum Bleiben – und zum Wiederkommen. „Heute bin ich ja so etwas wie etabliert und im Grätzel bekannt, auch, weil mir der Kontakt zu den anderen Menschen hier sehr wichtig ist und ich immer versuche, persönlichen Kontakt aufzubauen und die Menschen kennenzulernen, die hier leben und arbeiten. Aber es nimmt über die Jahre und mit dem Wandel des Bezirks auch die Laufkundschaft zu, Menschen, die vor unseren Fenstern stehen bleiben und uns bei der Arbeit zusehen oder unsere hier ausgestellten Möbel anschauen. Und manchmal kommt auch jemand herein und erzählt mir, dass er oder sie seit vielen Jahren an uns vorbeiläuft und immer noch nicht weiß, was wir hier eigentlich tun. Und dann wagen sie es doch einmal hereinzukommen, und wir kommen ins Gespräch. Die, die vorbeilaufen, kommen mehrheitlich aus dem Bezirk, aber nach 30 Jahren Berufserfahrung in Wien kann ich heute auch auf eine große Stammkundschaft zählen, und manche Kund*innen kommen auch nach zehn oder zwanzig Jahren gerne wieder …“



* Wo Sie holzundstahl finden:

holzundstahl
Günter Garger
Schottenfeldgasse 90, 1070 Wien
www.holzundstahl.at/werkstatt.html


** Wer noch an dieser Adresse arbeitet:


Möbeldesigner Sebastian Schubert
Schottenfeldgasse 90, 1070 Wien
www.sebastianschubert.at/

Möbel Design Markus Windner
Schottenfeldgasse 90, 1070 Wien
www.markus-windner.com/

Peter Niedermair
Malerei und Zeichnung
www.peter-niedermair.at/

Keine Kommentare bis jetzt

Comments are closed

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

FOLLOW US ON

logo