Unternehmer*innen im Porträt: Tina Polisoidis

„Ich bin wahnsinnig dankbar für die Zeit hier“

Wenn man mit Tina Polisoidis ins Gespräch kommt, dann geht gleich einmal eine ganze Wunderkammer an Geschichten auf. Denn die österreichische Schmuckdesignerin kreiert nicht nur außergewöhnliche Stücke, die man gern an Fingern, Armen und Ohren trägt, sondern hat auch eine Gabe, zugleich reflektiert und begeisternd über all das zu erzählen, das ihr im Leben begegnet und dieses mal aufregender, mal ruhiger, mal wilder und mal konzentrierter macht. Einen Großteil ihres beruflichen Lebens hat die Künstlerin auf beiden Bezirksseiten der Lerchenfelder Straße verbracht, als Anrainerinnen, als Designerin und als Unternehmerin. Wie sie von Graz nach Wien, hier auf die Neubauer Seite der Lerchenfelder Straße und von dort ums Eck in die Josefstadt gefunden hat, das hat Tina Polisoidis nun im Gespräch mit der Lebendigen Lerchenfelder Straße erzählt.

Von Angela Heide; Fotos: Berenice Pahl

Wer Tina Polisoidis einmal kennen gelernt hat, kennt auch ihr wunderbares Lachen.

Aufs Metall gekommen

Den Zugang zur Kunst verdankt Tina Polisoidis ihrem Großvater, der Maler und Grafiker war und „ein starker Einfluss für mich als Kind. Er hatte ein großes Atelier und darin einen großen Tisch, auf dem wir Enkel immer mit allen seinen Materialien arbeiten durften. Das heißt, dieser Kunstzugang war immer schon da.“
Tina Reichart wächst in Graz auf, besucht zuerst das Gymnasium und absolviert mit 14 Jahren mit Erfolg die Aufnahmeprüfung an die Kunstgewerbeschule der Stadt, ohne noch zu wissen, in welche Richtung sie künstlerisch gehen will. Rasch wird ihr beim Hineinschnuppern in unterschiedliche Bereiche klar, dass sie an der Metallgestaltung „hängenbleiben“ wird. Ab dem zweiten Jahr arbeitet sie bereits mit Schmuck, nach dem Studium folgten zwei weitere Ausbildungsjahre bei einem Grazer Juwelier und ein weiteres Jahr im Schmuckverkauf.
Nach knappen neun Jahre der Ausbildung braucht die junge Künstlerin dann eine erste „Schmuckpause“. Es folgen zahlreiche neue, wichtige berufliche Erfahrungen im Eventmanagement bei einem Musikfestival und in der Medienbranche, ehe sie kurzentschlossen ihrem langjährigen Lebenspartner und späteren Mann von Graz nach Wien folgt und hier binnen einer Woche in einer Werbeagentur anheuert. Innerhalb von einer Woche wird im Winter 1998 die Wohnung in Graz aufgegeben, eine Wohnung im Lerchenfeld gekauft, umgezogen und mit dem neuen Job begonnen. An diesen ersten Wiener Winter erinnert sich Tina Polisoidis heute noch lebhaft: „Es hat nie die Sonne gescheint, und ich bin zur Arbeit gegangen, wenn es finster war, und nach Hause gekommen, wenn es finster war. Und ich habe mich damals öfters mal gefragt, ob es so eine gute Idee war, nach Wien zu ziehen.“
Die folgenden Monate sind derart vollgepackt mit ihrer Arbeit in der Werbebranche, dass, als im Jahr 2000 ihr erstes Kind geboren wird, die Freude groß ist, endlich wieder Zeit für die Familie, vor allem aber für sich selbst zu finden und wieder mehr kreative Ruhe in ihr Leben bringen zu können. Sie nimmt sich ganz bewusst Zeit für die Karenz und die ersten Lebensjahre mit ihrem Sohn, erst nach zwei Jahren kehrt sie mit einem Teilzeitjob wieder zurück ins „klassische“ Berufsleben. Kurz darauf folgt die Geburt des zweiten Kindes – und mit ihr kommt auch der Wunsch auf, wieder selbst künstlerisch zu arbeiten.

Gummi, Schrauben, Filz und bunte Perlen

Doch es sind nicht gleich wieder Gold und Silber, die die Schmuckmacherin interessieren, sondern Aquariumsschläuche, die sie zufällig im nahegelegenen Neubauer Werkzeugladen Petzolt entdeckt. Sie beginnt, die giftgrünen Schläuche mit Nierosterschrauben, aber auch Filz zu bearbeiten und daraus übergroße, eindrucksvolle Colliers zu gestalten. Der nächste Schritt ist, winzige Schlauchteile aus dem liebgewonnenen farbigen Material in Gold und Silber zu fassen. Rasch wächst wieder die Freude an der selbst bestimmten, unabhängigen kreativen Arbeit, aber auch jene an ungewöhnlichen Mischungen von Materialien. Ein Interesse, das Tina Polisoidis bis heute begleitet. „Ich arbeite sehr gerne mit Edelmetallen, aber auch mit Holz, mit Filz und Stoff oder eben einem Stück Schlauch, die ich mit meinen Objekten zusammenbringe. Ich brauche diese Brüche, die finde ich spannend.“ Heute arbeitet sie, ergänzt die Künstlerin, wesentlich umweltbewusster als in der Anfangszeit, etwa nur noch mit recycelten Materialen oder alten Schmucksteinen: „Aus PVC-Schläuche wie früher mache ich schon langes nichts mehr.“

„Ich brauche diese Brüche, die finde ich spannend.“

Tina Polisoidis


Während eines Griechenlandurlaubs entdeckt Polisoidis bald schon ihre nächste Leidenschaft: Polarisperlen in allen erdenklichen Farben, von denen sie zuerst nur ein kleines Säckchen nach Wien mitnimmt, hier aber in den kommenden Jahren ganze Schmuckreihen entwickelt, etwa Ohrringe und Wechselringe. „Schon meine Colliers sind auf ziemlich viel Begeisterung gestoßen, aber der Schmuck aus Polarisperlen, der hat wirklich voll eingeschlagen. Den verkaufe ich heute noch“, freut sich die Schmuckmacherin.

Eine langlebige und ziemlich bunte Liebe: Schmuck aus Polariskugeln.

Vom Stand zum eigenen Geschäftslokal

2006 entdeckt Tina Polisoidis auf einem Spaziergang durch den Bezirk das Atelier „Burggasse 21“ und dessen Leiterin Elena Mildner. Das beiderseitige Interesse ist groß, und so zeigt Tina Polisoidis der Kollegin ihre Arbeiten und ist von da an drei Jahre lang in der Vorweihnachtszeit mit einem eigenen Stand hier zu Gast. Die ersten zehn bis 15 Schmuckstücke des ersten Verkaufsjahres sind binnen weniger Stunden verkauft. Tina Polisoidis produziert und verkauft in diesem Jahr so viele eigene Schmuckstücke wie nie zuvor – beides im Tagesrhythmus. „Am 24. Dezember dieses Jahres war ich streichfähig“, erinnert sie sich heute lachend an ihren erfolgreichen Verkaufseinstieg als selbstständige Schmuckkünstlerin.
Ab dem zweiten Jahr produziert sie schon wesentlich bewusster für die intensiven Verkaufswochen vor Weihnachten. Und sie lernt eine Reihe anderer Designer:innen und Künstler:innen der Gegend kennen, mit denen sie zu einem großen Teil bis heute anhaltende private und berufliche Verbindungen aufbaut.
Diese drei Jahre, in denen Tina Polisoidis von zuhause aus während des Jahres für ihren Weihnachtsstand vorproduziert, bedeuten auch die Möglichkeit, wieder mehr zu experimentieren, „und so bin ich immer mehr zu Arbeitsweisen zurückgekehrt, die ich bereits während meiner Ausbildung kennengelernt hatte, zum Beispiel das Steinefassen oder die Goldschmiedekunst.“
Nach den drei Jahren Weihnachtsstand in der Burggasse folgen weitere Stände während des Jahres oder auch eine Präsentation im Looshaus. „Irgendwann gab es dann aber einen Bruch in unserer Branche mit immer mehr Schmuck und weniger Fokus auf wirklich künstlerische Zugänge.“ Für Tina Polisoidis ist damals auch der „Moment, mich wieder in eine andere Richtung zu orientieren“.
Der Wunsch, ein eigenes Geschäft zu führen, wird immer stärker. Auch, weil vermehrt Kund:innen während des Jahres Stücke bestellen, die Tina Polisoidis speziell für sie gestalten und produzieren soll – das alles zuerst noch im eigenen Wohnzimmer der alten, kleineren Wohnung, dann im Atelierraum der neuen, wesentlich größeren Wohnung, die sich in Sehweite befindet, immer noch im Grätzel, wenn auch dieses Mal auf der „Josefstadt-Seite“ in der Lange Gasse, Ecke Lerchenfelder Straße.

Durch einen Zufall wird Ende 2011 das für einige Jahre als Galerie geführte Geschäftslokal auf der Lerchenfelder Straße 31 frei, und Tina Polisoidis nimmt das Angebot der dort tätigen befreundeten Künstlerin Sylvia Grossmann spontan an, den Raum zu übernehmen. Sie ersteigert im Eiltempo Präsentationstische, die perfekt passen, und eröffnet ihren eigenen Laden im Dezember 2011: „Anfang Mai 2012 war dann das Eröffnungsfest: 140 Menschen auf 40 Quadratmetern und eine Feier, die bis weit in die Nacht hinein gedauert hat“, erinnert sich Polisoidis. Und daran, dass auch dieses Mal, wie schon einige Jahre zuvor bei ihrem ersten Weihnachtsstand, die „Tische nur mager bestückt waren“, zwei Ringe hier, drei Ohrgestecke da … wieder ist es Zeit, sich in die Arbeit zu werfen, zu produzieren und nun auch sichtbar an der Straße zu verkaufen.
Die kommenden neun Jahre sind erfüllt mit Kreation, Produktion, Beratung, Verkauf, daneben mit Kooperationen, Projekten, Ausstellungen und vielem mehr an der Lerchenfelder Straße. Tina Polisoidis ist in dem knappen Jahrzehnt an der Lerchenfelder Straße an zahlreichen Gemeinschaftsprojekten beteiligt, setzt Projekte mit lokalen Designer:innen und Unternehmer:innen um. Mit der Zeit kommen nicht nur immer mehr feste Kund:innen, sondern auch viele, „die einfach nur zum Tratschen vorbeischauen“. Sogar an manchen Sonntagabenden, „wenn ich noch rasch etwas im Geschäft machen musste, haben Menschen an die Scheibe geklopft und sind auf ein Getränk und Gespräch hereingekommen“.

Lerchenfelder Eigenheiten

„Der Veränderungsprozess hier ist enorm. Als ich mein Geschäft eröffnet habe, gab es noch wesentlich mehr Leerstand als heute. Dann eröffnete ein Lokal nach dem anderen, die den Charakter der Straße rasch und stark verändert haben und nicht zuletzt auch neues Publikum gebracht haben. Heute ist die Lerchenfelder Straße auf einem guten Weg zu einer Einkaufsstraße, aber so ganz ist sie es in meinen Augen noch immer nicht“, analysiert Tina Polisoidis ihre Sicht auf die Verwandlung der Lerchenfelder Straße in den letzten zehn Jahre.
Fragt man sie nach ihren persönlichen Erfahrungen als Künstlerin, Designerin und Geschäftsfrau an der Lerchenfelder Straße, gibt es vieles, das sie auch nach so langer Zeit im Grätzel nicht wirklich erklären kann. Etwa, warum viele ihrer Kund:innen aus der Josefstadt nicht auf die „Neubauer Seite“ der Straße gekommen sind, sie heute aber gerne wieder in ihrem „Josefstädter Atelier“ besuchen. So ganz zum Siebten hat sie auch nie gehört, Randlage, Ruhelage, „eben nicht die Neubaugasse, Zollergasse oder Lindengasse“: „Man ist auf der Lerchenfelder Straße immer ein bisschen zwischen den Stühlen“ – das birgt eine ganze Reihe an spannenden Möglichkeiten, aber eben auch so manche Hürde.

Von der Neubauer auf die Josefstädter Seite

„Wir sind oft nächtelang auf dem kleinen, weißen ,Kulturbankerl‘ der Lebendigen Lerchenfelder Straße vor dem Geschäft gesessen, haben geplaudert, alle Menschen, die vorbeigekommen sind, begrüßt und uns fast wie in Griechenland gefühlt“, beschreibt die mit einem Griechen verheiratete Designerin das Lebensgefühl, das mit ihrem Lerchenfelder Laden einherging.
Mit den Jahren zeigt sich aber auch immer mehr, dass das, was Tina Polisoidis anbietet, trotz aller Liebe zum Grätzel, seinen Bewohner:innen und zum liebevoll gestalteten Geschäftslokal eben auch ohne Letzteres geht. Die Kund:innen bleiben ihr treu, egal, wohin sie ihren Arbeitsplatz verlagert, das hat sich schon in den Jahren vor der Eröffnung ihres eigenen Verkaufsraums deutlich abgezeichnet und gehört zu den schönsten Erfahrungen in der Karriere der Künstlerin. Und auch die Kontakte entlang der Straße bleiben. Mit und ohne eigenes Lokal.
„Es ist ein Grätzel, und du lernst wirklich alle, die hier leben und arbeiten, kennen. Wenn ich heute durch die Lerchenfelder Straße gehe, werde ich ständig gegrüßt und grüße natürlich auch ständig.“
Was hingegen in den neuen Jahren im eigenen Geschäft, ähnlich wie einst in den hektischen Werbeagenturjahren, verloren gegangen war, das waren Ruhe, Rückzug und vor allem die notwendige Zeit, um wieder Neues zu versuchen, Neues zu beginnen und überhaupt Neues zu denken. Etwas, das Tina Polisoidis für ihren Beruf als absolut lebensnotwendig empfindet. „Ich wollte einfach wieder ,zurück‘. Wieder eine Herausforderung suchen.“

„Es war eine tolle Zeit.“

Tina Polisoidis

Mit dem ersten Lockdown Anfang 2020 wird klar, dass für die selbstständige Designerin das Lokal nicht mehr finanziell zu tragen ist, auch wenn sie daneben noch „drei andere Jobs“ hat, wie etwa die Pressearbeit für einen American-Football-Verein.
Schweren Herzens trennt sie sich also im Mai 2020 von ihrem „Baby“. „Ausziehen war schwierig“, gibt sie im Rückblick zu. Sie kehrt mit ihrem prall gefüllten Atelier – einer ihrer Söhne zieht zu diesem Zeitpunkt gerade aus und macht ein Zimmer frei – in ihre sonnendurchflutete Lerchenfelder Josefstädter Wohnung zurück und betreut seither wieder von hier aus ihre Kund:innen. „Es ist schön, wieder etwas beginnen zu können“, ist Tina Polisoidis glücklich über den doch nicht ganz einfachen Schritt. Und sie hat vor Kurzem begonnen, selbst zu vergolden. „Das habe ich mir in all den Jahren zuvor nicht selbst zugetraut, genieße es aber jetzt sehr.“
Tina Polisoidis ist auch heute noch begeisterte und vor allem begeisternde Lerchenfelderin, auch wenn man sie nicht mehr direkt an der Lerchenfelder Straße findet. Man muss einfach nur ums Eck schauen, und schon ist man mitten in ihrer Welt, steht vor Vitrinen mit alten Designs und neuen Entwürfen, die vieles davon erzählen, was sie selbst über die Entwicklung ihrer Arbeit erzählt.
„Das Vorbeilaufen ist weg, auch die Tourist:innen, die zum Beispiel im 25Hours-Hotel gewohnt haben und mich so entdeckt haben. Es bleiben aber wirklich viele und kommen auch gerne in mein neues Atelier. Ich habe sogar internationale Kund:innen, die, wenn sie wissen, dass sie nach Wien kommen, bei mir anklopfen und einen Termin ausmachen.“
Und ohne Wehmut, aber mit diesem gewissen Lächeln, das immer von Abschied und Neubeginn erzählt, beteuert Tina Polisoidis am Ende unseres Gesprächs: „Ich möchte es nicht missen, hier zu sein, mit oder ohne eigenes Geschäft an der Straße. Es ist ein tolles Grätzel.“


tina polisoidis – schmuckatelier
Lange Gasse 2, 1080 Wien
Termine: atelier@tina-polisoidis.at
43/(0)650/524 79 04
www.tina-polisoidis.at

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