Unternehmer*innen im Porträt: Magdalena Leitner

„Zeitlos ist nachhaltiger“

Mein Gespräch mit Magdalena Leitner, die vor wenigen Monaten ihre gleichnamige Boutique an der Lerchenfelder Straße 31 eröffnet hat, beginnt ehrlicherweise auch gleich mit einem kleinen Fauxpas, denn ich mache die charmante und selbstbewusste Modemacherin gleich um sechs Jahre älter und 29 Jahre alt. In Wirklichkeit ist sie aber erst unglaubliche 23. Was in den wenigen Jahren zwischen ersten Verkaufserfahrungen und der Eröffnung ihres Ladens alles passiert ist, packen andere leicht mal in ein volles Dezennium. Nicht so Leitner, bei der man rasch lernt, dass zeitlos schön und zeitlos klug schon früh im Kopf der Jungunternehmerin Platz gefunden haben. Doch wie kam die gebürtige Grazerin eigentlich beruflich in ihren „Traumbezirk“ Neubau und zu einem Geschäft, dessen Schaufenster allein schon den Flair von einst mit dem Schick von heute verbinden und in dessen Inneren sich eine ganze Welt des „auf die Haut“ kreierten Glanzes der „Fünfziger“ eröffnet? Ich habe sie dazu bei souliger Musik und im stilvoll-gemütlichen Ambiente ihrer handverlesen ausgestatteten Boutique befragt.

Text: Angela Heide; Fotos: Berenice Pahl

Schmuck, Seife, Glücksbringer und Kerzen – ein Anfang ist gemacht

Magdalena Leitner wird in Graz geboren und wächst später im neu gebauten eigenen Haus der Eltern in Stattegg auf – das bischöfliche Gymnasium der Stadt, in das schon der Vater gegangen ist und in das sie in der Unterstufe ebenfalls geht, ist aber nichts für die kreative Jungsteirerin. Auf einer Bildungsmesse, die sie in der vierten Klasse besucht – „eigentlich gar nicht, um die Schule zu wechseln, sondern einfach nur zu schauen, ob es auch etwas anderes für mich gibt“ –, kristallisieren sich dann zwei Richtungen für Magdalena Leitner heraus: die Kindergarten- und die Modeschule in Graz. Nach dem zweiten Blick wird es dann noch klarer: die Modeschule.
Dass sie eine „Ader“ fürs Geschäftliche hat, zeigte sich schon im Alter von zwölf Jahren: Da stand Magdalena Leitner zum ersten Mal mit selbst gemachtem Schmuck auf einem Christkindlmarkt und „verdiente das Taschengeld, das ich damals für eine ganzes Jahr gebraucht habe“. Es folgten Naturseife, die sie nach einer Anleitung einer Freundin ihrer Mutter produzierte und auf gleich drei Weihnachtsmärkten verkaufte, Glücksbringer aus Keramik, „die gingen sehr gut! Und dann Kerzen: Wir haben damals weiße Kerzen in Buntwachs getaucht und ebenfalls auf Weihnachtsmärkten verkauft. Eigentlich habe ich die ganze Unterstufe über auf Weihnachtsmärkten gestanden.“ Magdalenes Vater, der „sehr holzaffin ist und auch den Laden hier in der Lerchenfelder Straße ausgestattet hat, hat mir damals schon meine Stände gebaut, und eigentlich hat meine Selbstständigkeit schon in meiner Jugend begonnen, und ich wurde von meinen Eltern darin auch von Anfang an sehr gefördert.“
Stoffe oder Mode sind bis zur spontanen Entscheidung, die Modeschule zu besuchen, eigentlich „kein Thema gewesen. Meine Oma hatte mir zwar einmal zu Weihnachten eine Nähmaschine geschenkt, da war ich acht oder neun, aber die hat mich damals einfach noch nicht interessiert.“ Mit Beginn ihrer Ausbildungsjahre an der Modeschule in Graz ändert sich das aber schlagartig. „Da hat einfach alles gepasst.“

Die ersten drei Jahre bedeuten Grundausbildung und das Erlernen ihrer handwerklichen Fähigkeiten, die Magdalena Leitner rasch, gepaart mit ihrem Verkaufstalent und vor allem viel kreativer Phantasie, einzusetzen weiß: Ab der dritten Klasse beginnt sie gemeinsam mit ihrer Freundin Anna und unter dem ersten Label-Namen „Due d´oro“ zum ersten Mal selbst Mode zu entwerfen, Kleidungsstücke zu produzieren und eine erste eigene Modeschau im Festsaal der Schule zu organisieren. Der Erfolg ist so groß, dass die beiden auch im folgenden Jahr noch einmal ihre eigenen Kreationen selbst produzieren: Im Wohnzimmer entstehen insgesamt 40 handgefertigte Wickelröcke in eben dem Schnitt, der noch heute der „Bestseller“ in Leitners Lerchenfelder Boutique ist – Anna und Magdalena werden in diesem Jahr sogar „Steirerinnen des Tages“.
Leitner ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 17 Jahre alt, doch sie weiß bereits, dass es die Fünfzigerjahre sein werden, die sie in Stil und Mode am meisten ansprechen und denen sie auch in Hinkunft ihre modischen Erfindungen widmen wird. „Von Beginn an war uns wichtig, Mode zu machen, die man im Alltag tragen kann und nicht nur auf dem Laufsteg, wozu wir eigentlich von unserer Lehrer:innen nach dem Motto ,probiert euch aus und macht was Opulentes‘ eingeladen worden waren.“ Daher sind die anfänglichen Feedbacks auch eher ernüchternd – „,Magdalena, es ist zu einfach, was du machst, schau weiter und mach doch etwas Anspruchsvolleres‘ – aber ich habe mir, obwohl es mich natürlich auch anfänglich eingeschüchtert hat, gedacht: Wenn ich etwas machen will, dann ist es Kleidung, die nicht im Schrank hängt, sondern die gerne getragen und ausgeführt wird.“ Auch für die Diplomkollektion entwerfen Leitner und ihre Freundin weiterhin ihre eigene Mode, begleitet von ersten konkreten Businessplänen. Der nächste Schritt ist die Bewerbung für die Meisterklasse in Wien. Beide werden genommen und schließen nach einem weiteren, sechsten Ausbildungsjahr in der Klasse „Haute Couture“ an der Modeschule Herbststraße an der Wirtschaftskammer Steiermark mit dem Meistertitel ab.

Nach dem Abschluss der Meisterprüfung setzt Magdalena Leitner den gemeinsam begonnen Weg allein fort, während die Freundin, zurück in Graz, eine Ausbildung in Marketing und Sales absolviert. Leitner bleibt in Wien und arbeitet fast ein Jahr in einem Stoffgeschäft. Sie zieht in eine WG, wo sie auch gleich ein Extrazimmer dazu nimmt, um weiterhin entwerfen und nähen zu können. Erste feste Kundinnen gibt es bereits dank ihrer Präsenz auf diversen bekannten Wiener Modemärkten, auch einen Onlineshop – und so zieht Leitner von Markt zu Markt und präsentiert ihre Mode ganz persönlich. „So bekommt man einen wirklich tollen und treuen Kundinnenstock. Viele von denen, die mich auf den Märkten kennengelernt haben, kommen noch heute und sind begeistert, wie sich alles entwickelt hat und wie schön mein Geschäft hier ist.“

Während ihrer Monate als Teilzeitangestellte bleibt „viel Zeit, um nachzudenken. Ich hatte Ideen, ich wollte etwas machen, und so war der nächste Schritt, nach einem dreiwöchigen Urlaub, in dem ich noch einmal alles durchgedacht habe, mich selbstständig zu machen.“ Noch produziert Magdalena Leitner alles zu Hause – vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie in ihrer Wiener WG, während der ersten langen Lockdownphase dann auch bei den Eltern in der Steiermark. „Aber es war klar, dass ich für meine Arbeit mein Zuhause verlassen muss, egal, ob das in Wien das WG-Zimmer war oder in der Steiermark das elterliche Hause. Also habe ich zuerst nach einem Coworking-Space gesucht.“
Rasch wird klar, dass das gar nicht so einfach ist, denn „man braucht Platz! Man braucht Platz zum Arbeiten, man braucht Platz für die Stoffe, und zwar viel Platz, und man braucht Raum, um die Kleidungsstücke auszustellen und so, dass sie auch gesehen werden.“‘
Gerade zu diesem Zeitpunkt sieht Magdalena Leitner die Annonce für ein eben freigewordenes Lokal in der Lerchenfelder Straße 31: „Also war ich gleich am nächsten Tag schon hier, hab es mir angeschaut, dann ein Portfolio erstellt – und als dann die Zusage kam, das war schon ein unglaubliches Gefühl!“ Coworking-Space ist daraus schließlich keiner geworden, denn Leitner nutzt die von ihr und ihrem Vater in Handarbeit optimal umgestalteten Räume – „das alles von einem Tischler machen zu lassen, hätte ich mir niemals leisten können“ – von Beginn an zur Gänze selbst: vorne Verkaufsraum, dahinter ein zweigeschoßiger Büro-, Arbeits- und Lagerbereich, der auch im Souterrain noch weitergeht.

Im November 2020, punktgenau mit dem Beginn des zweiten Lockdowns, eröffnet Magdalena Leitner ihren Laden. Zwei Dinge gehen Magdalena damals durch den Kopf, gesteht sie knapp ein Jahr später: „Will ich überhaupt einen eigenen Laden? Und will ich wirklich die ganze Woche die ganze Zeit hier sein müssen?“ Die Antwort auf die erste Frage ist ein deutliches Ja. Die Antwort auf die zweite ebenso deutlich: Nein. So entscheidet die Jungunternehmerin, das Geschäft nur an vorerst drei und heute dreieinhalb Tagen in der Woche zu öffnen und an den restlichen Tagen auch „wirklich nicht hier zu sein. Den Kopf freizuhalten für Neues und auch die nötige Ruhe zu finden“, die sie braucht, um dann wieder mit dem für sie typischen Elan und Enthusiasmus im eigenen Verkaufsladen zu stehen. „Ich wollte mir diese Flexibilitäten behalten, und meine Kundinnen gehen da bis heute sehr gut mit.“

Lieblingsstücke

Magdalena Leitner weiß von Beginn ihrer selbstständigen Karriere an: „Mit dem, was wir machen, können wir schwer nach dem ,Trend‘ gehen, und das wollen wir auch gar nicht.“ Die Schnitte, die sie selbst entwirft und zeichnet, werden von älteren, historischen Vorlagen, Filmen oder Zeitschriften inspiriert. „Diese an die heutige Zeit und Körperformen anzupassen, stellt die kreative Arbeit da. Die Taille wurde zum Beispiel früher in Korsetts gezwungen und dadurch wahnsinnig schmal, das sollte heute nicht mehr so sein. Und ein unflexibler Zipp macht Modelle meist noch beengter. Wir haben uns daher ganz bewusst für Wickelröcke entschieden, die je nach Tages- und Körperempfinden anders angelegen werden können, mal enger, mal weiter, und er passt sich jedes Mal dem Körper an.“

„Ich kann nicht in die Köpfe der Menschen schauen.“

Magdalena Leitner


Dass sie nie Maßarbeit anbieten wird, ist für Magdalena Leitner ebenfalls früh schon klar, „weil ich das Gefühl habe, dass ich niemals zu hundert Prozent zufriedenstellen kann, da ich nicht in die Köpfe meiner Kundinnen sehen kann. Es ist ein bisschen wie beim Friseur: Entweder du findest einen, wo du immer zufrieden bist, oder du bist es nie – und sagst aber auch nie, dass du nicht zufrieden bist … Was wir aber schon anbieten, ist, unseren Schnitt in einem mitgebrachten Stoff zu nähen, wenn ein Schnitt etwa gefällt, aber das Material nicht. Und Anpassungen nehmen wir natürlich auch vor.“
Das am besten gehende Stücke ist von Beginn an der Wickelrock, der eben diesem Gedanken entspringt, höchstmögliche Freiheit auf allen Seiten anzubieten und doch Stücke zu schaffen, die einen ein Leben lang begleiten wollen. „Unseren Wickelrock PonRoe hat man ein Leben lang. Und es ist eigentlich schwer, dass der einem irgendwann nicht mehr gefällt. Unsere Klassiker sind zudem einfärbig in den Farben Dunkelblau, Gelb und Rost sowie in Schwarz, wir bieten aber auch je nach Saison neue Muster und Stoffe an.“
Die einfärbigen Stoffe bezieht Magdalena Leitner „hauptsächlich von nachhaltigen Produzenten, wir verwenden Tencel- sowie bio- oder GOTS-zertifizierte Baumwolle, was bei bedruckten Stoffen schwerer ist. Wir werden daher beginnen, eigene Muster zu entwerfen und die Stoffe dann regional bedrucken lassen. Es gibt beispielsweise im Waldviertel eine Weberei, die versucht, umweltschonend zu produzieren und mit der wir zusammenarbeiten, schon allein, weil der Transportweg dann relativ minimiert werden kann.“

„Ich habe einfach sehr viel Glück gehabt.“

Nach der Eröffnung im Lockdown-November 2020 ist „im Dezember offen, im Jänner und Februar zu, im März 2021 wieder offen und im April zu“, zieht Leitner Bilanz über das erste halbe Jahr am neuen Standort. „Insofern kann ich eigentlich noch gar nicht sagen, wie es mir hier geht.“ Auch ihre Präsenz auf verschiedenen Märkten behält sich Leitern „zur Sicherheit noch, wobei wir versuchen, nur noch einen, maximal zwei pro Monat zu absolvieren, weil es im Laden schon sehr gut geht und ich daher nicht zusperren möchte.“ Auch der Onlineverkauf geht weiterhin sehr gut, und so steht Leitner heute mit ihren drei Säulen auf gutem wirtschaftlichen Boden.

„Wenn man dran glaubt, dann wird das auch funktionieren.“

Magdalena Leitner


Es ist vor allem der bereits aufgebaute Stammkundinnenstock, der Magdalena Leitner stolz macht. Aber auch Anrainer:innen kommen von Beginn an viele vorbei, freut sie sich, „und sie kommen rein und sagen dann: ,Ich wohne eh gleich hier und wollte schon so lange hereinkommen …‘ Das höre ich ganz oft. Das freut mich besonders, denn es braucht auch Mut, in so einen kleinen Laden hereinzukommen. Wir geben uns auch Mühe zu ,erspüren‘, ob jemand nur mal schauen will oder auch was wissen will. Ich denke, es ist ganz wichtig, den Kund:innen den nötigen Raum zu geben.“ Und auch die umliegenden Unternehmer:innen haben Magdalena Leitner sofort herzlich aufgenommen, nehmen Pakete für sie an und „sind super lieb. Ich bin sehr, sehr happy, hier zu sein.“

Seit Kurzem ist auch Freundin Anna wieder im Geschäft tätig, denn die Arbeit steigt stetig. Und so kommen die beiden Modemacherinnen auch nicht mehr dazu, alles selbst zu nähen. „Die Hälfte wird zurzeit in der Ukraine“ produziert, erläutert Magdalena Leitner. „Sonst schaffen wir das alles gar nicht mehr.“ Die Prototypen und Muster schickt sie ihrem aus Österreich kommenden Partner, der eine kleine Schneiderei in der Ukraine aufgebaut hat, dann wird kalkuliert, entschieden und produziert – und „was dann im Laufe des Jahres noch nachbestellt wird, das machen wir hier vor Ort weiterhin selbst in Handarbeit“. Ein großer Vorteil dabei ist, „dass wir das auch wirklich können. Denn viele, die zwar entwerfen, aber nicht, so wie wir, auch schneidern können, haben ein Problem, wenn einmal ein Stück ausgeht. Es macht für mich so viel aus, dass wir beides können – designen und nähen“, und dank Freundin Annas Zusatzausbildung sind nun auch Werbung und Marketing in den eigenen Gründerinnenhänden. Noch trägt der reine Straßenverkauf das junge Unternehmen nicht. „Wir brauchen den Onlineverkauf, und wir brauchen die Märkte.“ Aber insgesamt hat sich alles „wahnsinnig rasch entwickelt in diesen drei Jahren, und ich bin guter Dinge, dass sich auch finanziell bald alles richtig gut ausgeht“, ist sich Magdalena Leitner sicher, dass ihr vor kaum zwei Jahren begonnener Erfolgsweg an der Lerchenfelder Straße auch in Hinkunft so positiv weitergeht. „Ich habe ja noch unendlich viel Zeit, mehr als vielleicht später … mit 29 zum Beispiel“, lacht die beeindruckende 23-jährige Modedesignerin am Ende und spielt noch einmal auf meinen Fauxpas zu Beginn des Interviews an, „und ich bin guter Dinge, dass ich irgendwann auch meinen Job und eine Familie in der Weise vereinbaren können werde, wie ich es mir erträume.“


Magdalena Leitner
Lerchenfelder Straße 31,
1070 Wien
Mi., 14-19 Uhr; Do. u. Fr., 10:30-18 Uhr; Sa., 11-18 Uhr
www.magdalenaleitner.com

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

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