Lerchenfeld, literarisch: sonic territories

Von Nika Pfeifer

Vom Wilhelminenberg runter, die Lerchenfelder Straße den Bachlauf entlang, verstellen keine Häuser mehr den Weg. Hier, mit freiem Auge nicht sichtbar, Viennezia hat was: gepfählte Altbauten. Angeblich kommt ein Sturm vom Wiener Wald. Das Rauschen der Bäume, das Rauschen von Wasser, der Autos. Unter Straßen: Hier war eine kleine Insel. Und hier. Und die Kinder, wie sie spielen. Einige der Altbauhäuser stehen auf Stelzen. Diese Straße ist ein wilder Gebirgsbach!

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Ist auf Wasser gebaut. Diese Lerchenfelder Straße ist ein unterirdischer Bach, kleiner Fluss. Klein ist er, weil er später größer wird oder verdunstet oder versickert, verdammt – damn – in den Untergrund verbannt, unsichtbar gemacht, versiegelt. Es hilft alles nichts: Irgendwann, irgendwo taucht er wieder auf.

im fahrwasser

Wie es floss und so weiter: den Bach hinunter.

1449: Sankt Ulreichspach + time = Ottakringerbach = Lerchenfelder Straße

1 Flussdiagramm, 1 Straßenprotokoll im Textfluss den Liebhartstalgraben entlang, über die Thaliastraße in die Lerchenfelder bis zur Döblergasse, quer durch den Block beim Augustinplatz in die Neustiftgasse, beim St.-Ulrichs-Platz zurück in die Neustiftgasse, weiter über den Minoritenplatz, die Strauchgasse, den Tiefen Graben an der Stadtmauer des Römerlagers Vindobona entlang, vor Maria am Gestade über den Concordiaplatz in einen Arm der Donau, den heutigen Donaukanal. Nun geht’s – da im 13. Jahrhundert erstmals umgeleitet – über den Getreidemarkt zum Wienfluss, in den linken Wienfluss-Sammelkanal bei der Secession: Hier betrieb das Wasser noch bis 1843 eine Bleistiftmühle. Hier wird 1949 Harry Lime in einer der Schlüsselszenen des Filmes Der dritte Mann gestellt, von seinem Freund getötet. Wien ist eine Geisterstadt, die Straßen dunkel, voller Kriegsschutt, intakt ist nur das Kanalsystem. Cut.

aus dem unterwasserstudio

Drei meiner besten Buddys, Meeresgöttin in spe, Wasserratte und Flussgeist, wohnen am Ottakringerbach 132 über dem Café Anno. Sie rufen: Spitzt die Stifte! Der Ottakringerbach soll zurück an die Oberfläche. Wie das aussehen kann? Auf einem Blatt Papier eine neue Lerchenfelder Straße malen, mit altem Ottakringerbach oben drauf beziehungsweise daneben. Die Straße müsste Bach heißen. Oder deep blue. Dem neuseeländischen Whanganui River wurde ja auch der Status einer juristischen Person zuerkannt. Was wäre, wenn der Ottakringerbach sich freischwimmen, was, wenn er klagen, würde? Noch einmal die Möglichkeit suchte, im Freien zu schwimmen, ehe er sich vielleicht doch dem Kanalmuff ergeben muss? It’s work. Wie, bitte, geht Kommunending, oder was machen die Anrainer:innen am Wochenende. Froschbabybingo. Neunachweise und Wiederfunde von Köcherfliegen. I hate mosquitos.

but I’m in love with my car / oberwasser unterwasser

Das Wasser rauscht weiter heimlich im Untergrund. Und wir gehen ganz unheimlich drauf spazieren – überirdisch. Unterirdisch müsste eigentlich innerirdisch heißen. Je nachdem, wie es besser klingt. Unterirdisch klang vielleicht besser. Was besser klingt, setzt sich durch. Nicht der Bach hat sich hier durchgesetzt, so viel steht fest. Und Lerchenfeld hatte mal einen krassen Ruf, ooh là là.

„Wer hat nicht vom Lerchenfelde gehört? Das Lerchenfeld ist für Wien, was St. Antoine für Paris, Sachsenhausen für Frankfurt usw., der Tummelplatz des Pöbels – aber, wie ein Hauch von Poesie dem Österreicher selbst in seiner tiefsten Gemeinheit (besser gesagt ,Derbheit‘) noch immer eigen ist, so ist auch das berüchtigte Lerchenfeld nicht ohne poetische Momente. Es ist offenbar der lebendige Gegensatz des Praters […] Aber im Lerchenfelde fällt jede Rücksicht weg, alle Anstalten sind im strengsten Sinne privat, der Plebs ist hier Souverain, und die Herolde seiner Herrschaft sind gleich vor der Linie: eine Breterbude für gymnastische und thierische Künste, einige offene Caroussels, und ein Trupp elender Zeiselwagen, um durch den undurchdringlichen Staub oder unergründlichen Koth baldmöglichst zum Ziele aller Wünsche – zum Heurigen – zu gelangen!“

Zum Ziel aller Ziele. Blau sein. Und schon ist alles, wie es sein soll: gut.

blau machen.

Aus Grau wieder Blau machen. Ein kleines Umlenkmanöver in den Köpfen. Wasserfarben im großen Hier-geht’s-weiter. Flying objects, they don’t have a brain. Aber die erfundene Straße ist glücklich. Die Spitzen der Pfahlpflöcke müssen nur immer genug Wasser ziehen können, damit das Holz nicht austrocknet und porös wird. Wenn es über kurze Zeit viel regnet, geht der Bach über, und das Wasser schwappt aus den Kanaldeckeln, flutet die Straße, die keine ist. Wie Wasser kocht: So hoch die Wasser steigen. Dorthin, wo die Meere den Himmel treffen. Abgründig blau. In einer einzigen, ununterbrochenen Linie. Zum Ziel aller Ziele. Aus dem Untergrund, aus dem Verborgenen geschrieben. Dem Verborgenen verschrieben.


* Wien’s Umgebungen auf zwanzig Stunden im Umkreise, Wanderführer aus dem Biedermeier von Adolf Schmidl, Wien 1835.


Nika Pfeifer wurde 1975 geboren und ist in Wien und Oberösterreich aufgewachsen. Die Kommunikations- und Sprachwissenschaftlerin schreibt Lyrik, Prosa und szenische Texte. Ihre Gedichte wurden bislang ins Englische, Spanische, Französische, Italienische, Bosnische, Chinesische, Hindi und Malayalam übersetzt. Daneben realisiert sie (transmediale) Kunstprojekte in aller Welt. Sie erhielt diverse Preise und Stipendien, u. a. den Reinhard-Priessnitz-Preis 2012 und Aufenthaltsstipendien der Stadt München und des Landes Brandenburg. Pfeifer hat zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, u. a. in kolik und Literatur und Kritik. Sie lebt im Augenblick in Brüssel, Berlin und Wien.

Foto: ©  Lukas Dostal, Literaturhaus Wien, 1070 Wien

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

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