Lerchenfeld, literarisch: Mord, Asphalt und ein Hauch von Poesie (Text)

Von Kurt Palm

Streift man heute durch die Lerchenfelder Straße, kann man sich nur schwer vorstellen, dass sich hier einmal ein Wald befunden haben soll, in dem der Wiener Adel sogar zur Jagd ging. Und nachdem im alten Wappen von Lerchenfeld sowohl eine Lärche wie auch drei Lerchen abgebildet sind, ist anzunehmen, dass es sich dabei um einen Lärchenwald gehandelt hat, in dem auch Lerchen gejagt wurden.

Heute kann man in der Lerchenfelder Straße Bäume an einer Hand abzählen, und falls hier einmal eine Lerche singen sollte – was eher unwahrscheinlich ist –, wird man deren Gesang angesichts des Straßenlärms nicht hören.

Lerchen galten dereinst als kulinarischer Leckerbissen und wurden entweder im Ganzen gebraten oder zu Pasteten verarbeitet. Beim „Klasse Hasse“-Würstelstand am Ceija-Stojka-Platz bei der Altlerchenfelder Kirche wird man allerdings vergeblich nach gebratenen Lerchen suchen, dort bekommt man stattdessen die üblichen Käsekrainer, Waldviertler und Debreziner.

Als Wolfgang Amadé Mozart am 13. März 1786 im Theater hinter dem Palais Auersperg an der Ecke Lerchenfelder Straße/Auerspergstraße die Wiener Erstaufführung seiner Oper Idomeneo dirigierte, war der Lärchenwald längst gerodet und Lerchenfeld zu einem dicht besiedelten Gebiet geworden. In einem Wanderführer aus dem Jahr 1835 wird von „undurchdringlichem Staub und unergründlichem Kot“ auf den Straßen berichtet, gleichzeitig aber darauf hingewiesen, dass „das berüchtigte Lerchenfeld nicht ohne poetische Momente“ sei. Heute ist die Lerchenfelder Straße komplett zuasphaltiert, und der einzige Kot auf den Gehsteigen stammt von den Tauben und Hunden, die es auch hier nicht zu knapp gibt.

Auf den ersten Blick ist die Lerchenfelder Straße nichts anderes als eine Durchzugsstraße ohne jeden Charme, auf den zweiten Blick wird man aber auch hier den einen oder anderen „poetischen Moment“ finden. So zum Beispiel in der Lerchenfelder Straße 13, wo sich der Eingang zum sogenannten „Schottendurchhaus“ befindet, über dem die schönen Worte zu lesen sind: „Freiwilliger Durchgang“. Ob es in Wien auch einen „Unfreiwilligen Durchgang“ gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Benannt ist das Durchhaus nach dem Schottenstift, das in dieser Gegend mehrere Besitzungen hatte. Durchquert man die drei Höfe, landet man direttissimo in der Neustiftgasse 16, und ob man es glaubt oder nicht, aber mitten durch diesen Gebäudekomplex floss einst der unregulierte Ottakringer Bach, und auch eine Wäscherstiege hat es hier gegeben. An die Überschwemmung des Ottakringer Baches im Jahr 1862 erinnert eine Statue des Heiligen Nepomuk, des Schutzpatrons gegen Wassergefahren. In den 1990er-Jahren stand hier noch ein Betbank, die zum Meditieren einlud, die aber irgendwann einmal verschwunden ist. Wer braucht heute noch eine Betbank, wenn er oder sie sich eine Meditationsapp herunterladen kann?

Direkt neben dem „Schottendurchhaus“ befand sich das Geburtshaus von Johann Strauß Sohn, der bekanntlich die geniale Musik zur Fledermaus komponierte, in der es ordentlich zur Sache geht und wo dem Partner:innen-Tausch ebenso gehuldigt wird wie dem exzessiven Konsum diverser alkoholischer Getränke. Das Haus wurde 1890 abgerissen, und der Legende nach soll Johann Strauß die Abbrucharbeiten mit einiger Wehmut beobachtet haben. Wer’s glaubt … Jedenfalls hat der Wiener Männergesangsverein seinem Ehrenmitglied auf dem neuen Haus eine Gedenktafel gewidmet, die man aber nur sieht, wenn man den Kopf ganz weit nach hinten beugt, weil die Tafel auf Höhe des ersten Stocks angebracht ist.

Dass der Zeitgeist auch vor der Lerchenfelder Straße nicht haltgemacht hat, erkennt man an den typischen Bobo-Läden, in denen Bowls, Premium Coffee, Healthy Breakfast, Bubble Tea, Vegan Snacks oder Low-Carb-Lasagne angeboten werden. Da freut man sich dann umso mehr über die grindige, mit Graffitis zugesprayte Telefonzelle vor dem Haus Lerchenfelder Straße 63, obwohl dieses Relikt aus der Vergangenheit nicht mehr lange dort stehen wird, weil die Regierung ja die Demontierung sämtlicher Telefonzellen in Österreich beschlossen hat. Der Grund: Gespräche aus Telefonzellen können nicht abgehört werden, und der Herr Innenminister möchte ja schließlich wissen, worüber sich die Bürgerinnen und Bürger so unterhalten. Aber vielleicht kann sich die Bezirksvorstehung ja dafür einsetzen, dass diese Telefonzelle unter Denkmalschutz gestellt wird. Verdient hätte sie es. Genauso wie der OMI-Schriftzug, der die eine oder andere Hausmauer verschönert.

Definitiv nicht unter Denkmalschutz stellen sollte man die äußerst ungustiöse „Buchhandlung Stöhr“ in der Lerchenfelder Straße  78–80, deren Besitzer aus seiner rechten Gesinnung kein Hehl macht, und der neben den üblichen naziverharmlosenden und kriegsverherrlichenden Büchern seit Neuestem auch ein breites Angebot für Coronaleugner und ähnliche Schwachköpfe in seinem Sortiment hat.

Wie gut, dass es als Kontrast die „Buchhandlung Lerchenfeld“ gibt, in der die Literatur die Hauptrolle spielt und die 2020 zu Recht zu einer von fünf Buchhandlungen des Jahres gewählt wurde. Wenn man möchte, findet man dort in der Filmabteilung auch ein Buch über Wiener Kinos, in dem man zum Beispiel erfährt, dass im Haus Lerchenfelder Straße 143 von 1919 bis 1926 ein Lichtspielhaus mit dem merkwürdigen Namen „Invalidendankkino“ untergebracht war. Betrieben wurde das Kino vom „Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit wie die Unterstützung von k. u. k. Militärinvaliden und deren Hinterbliebenen“. Statt „Invalidendankkino“ prangt heute über dem Portal in großen Lettern: HANDY SALIH.

Der schönste Platz der Lerchenfelder Straße ist aber zweifellos der Ceija-Stojka-Platz vor der „Altlerchenfelder Pfarrkirche zu den Sieben Zufluchten“, der nach der Romni und Künstlerin Ceija Stojka benannt ist, die drei Konzentrationslager überlebte und viele Jahrzehnte lang als Zeitzeugin über die Gräuel des Nationalsozialismus berichtete. Der Platz wurde vor einige Jahren neu gestaltet und zeichnet sich durch eine räumliche Offenheit aus, die sonst in der Lerchenfelder Straße eher selten anzutreffen ist.

Gegenüber dem Ceija-Stojka-Platz, vor dem Haus Lerchenfelder Straße 124, erinnert ein Gedenkstein an Sofie Janca, Leopold Wohlfeiler, Isidor Spitzer und Julie Spitzer, die in diesem Haus lebten und Opfer des Holocausts wurden. Ein weiterer Gedenkstein vor dem Haus Lerchenfelder Straße 46 erinnert an Chaim Hundert, Golda Hundert, Leo Meiseles und Helene Baron, die in Auschwitz beziehungsweise Buchenwald ermordet wurden.

Ein Schicksal ganz anderer Art ereilte im Haus Lerchenfelder Straße 62–64 den berühmten Tenor Traian Grozăvescu, der hier am 15. Februar 1927 von seiner Frau Nelly ermordet wurde. Die Inschrift der Gedenktafel an der Fassade des Hauses lautet:

„Am 15. 02. 1927 wurde in diesem Gebäude die Lebensader des Begabtesten aller von Gott gelassenen Tenor-Sänger, die das rumänische Volk jemals gehabt hat, gewaltsam durchgetrennt. Er war der Prinz der Wiener Oper zwischen 1923–1927. Sponsor Fam. Usvad.“

Der Mordfall Grozăvescu erregte vor allem in der damaligen Boulevardpresse großes Aufsehen und beherrschte wochenlang die Schlagzeilen. Als gefeierter Tenor, der an allen großen Opernhäuser Europas sang, hatte Grozăvescu gerade ein Engagement an der Metropolitan Opera in New York erhalten, als der Konflikt mit seiner Frau eskalierte und sie ihn kurz vor seiner geplanten Abreise in die USA erschoss. Angeblich handelte Nelly Kövesdy aus Eifersucht, weil ihr Mann mehrere Affären gehabt haben soll. Dass Grozăvescu am Abend vor seiner Ermordung in der Wiener Staatsoper in Verdis Rigoletto die Kanzone des Herzogs Ach, wie so trügerisch, sind Frauenherzen sang, war für Presse natürlich ein gefundenes Fressen. Im Mordprozess wurde Nelly Kövesdy vom bekannten Anwalt Heinrich Steger verteidigt, der damit argumentierte, dass seine Mandantin kurz vor der Tat eine Fehlgeburt erlitten hatte und deshalb zum Zeitpunkt des tödlichen Schusses nicht zurechnungsfähig war. Die Geschworenen folgten Stegers Argumenten und qualifizierten den Mord als „Verbrechen aus Leidenschaft“, weshalb Nelly Kövesdy vom Vorwurf des Mordes freigesprochen wurde.

Der Verfasser eines Wanderführer von 1835 hatte also Recht, als er schrieb, „dass ein Hauch von Poesie dem Bewohner von Lerchenfeld selbst in seiner tiefsten Gemeinheit noch immer eigen ist“. Ob das jetzt als Kompliment zu verstehen ist, sei allerdings dahingestellt.


Kurt Palm wurde 1955 in Vöcklabruck geboren. Er studierte Germanistik und Publizistik an der Universität Salzburg (Dr. Phil.) und ist seit 1982 als Regisseur und Autor tätig. 1989 gründete er die Theatergruppe Sparverein Die Unzertrennlichen in Wien. Bis zu ihrer Auflösung 1999 spielte die Truppe regelmäßig in Wien und arbeitete mit Autor:innen, Musiker:innen und Künstler:innen wie Max Goldt, Wiglaf Droste, Attwenger oder Tex Rubinowitz zusammen. In den 1990er-Jahren produzierte er 24 Folgen der legendären Phettbergs Nette Leit Show. Kurt Palm schreibt Romane und Sachbücher, dreht Filme und inszeniert Opern und Theaterstücke in Österreich sowie international. Für Bad Fucking wurde er mit dem Friedrich-Glauser-Preis 2011 ausgezeichnet. 2012 erhielt er den Kulturpreis des Landes OÖ für Film. Zuletzt unter anderen: Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini, Roman; Kafka, Kiffer und Chaoten, Spielfilm (2014); Strandbadrevolution (2017); Monster, Roman; Die Arbeitersage – Teil 1, Folge 2, Text & Inszenierung (Werk X, 2019). Sein Theaterstück This is the End, my Friend wird 2022 am Theater Phönix in Linz uraufgeführt.
www.palmfiction.net

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

FOLLOW US ON

logo