Lerchenfeld, literarisch: Eine Stunde mehr

Von Lucas Cejpek

Lucas Cejpek fotografiert sich selbst auf seiner Reise zur 25. Stunde.

Um am Anfang der Lerchenfelder Straße zu beginnen, mit den Ballspielkäfigen am Weghuberpark, der nach dem Be­sitzer eines Theatercafés am ehemaligen Glacis benannt ist, und mit den Büsten der Dramatiker Anton Wildgans und György Bessenyei, die sich hier auf kleinstem Raum gegenüberstehen, ohne dass sich ihre Blicke begegnen, der ungarische Gardeoffizier trägt einen Orden auf der Brust, auf der anderen Straßenseite baut sich das Amts­haus der Stadt Wien stufenförmig über einer Tiefgarage auf, die Frau in der Portierloge macht mich darauf auf­merksam, dass fotografieren verboten ist, also schreibe ich den Wegweiser mit der Hand ab: Gruppe Baustrafen im Erdgeschoss, Zentrales Passservice im 2. Stock und das Passarchiv ist im 7. und letzten Stock, wobei man den höchsten Punkt, den Maschinenraum für die Liftanlage, nur vom 8. Stock des Hotels gegenüber sehen kann: Das ehemalige Studentenwohnheim wurde aufgestockt und zu einem 25hours Hotel umgebaut, das allen Vorbeikommenden die Frage stellt, was sie mit dieser zusätzlichen Stunde machen wollen, sagt die Marketing-Managerin, die mich durch das Haus führt, mit den Bienenstöcken auf dem Dach beginnend, auf dem Dachboden ist die Cocktailbar mit Trommeln über der Theke, und es gibt einen Fotoautomaten im Parterre, das Schaufenster neben dem Eingang ist voll mit Sofortbildkameras: Man tritt hier in eine ana­loge Welt ein, wenn man das will, zwei von 217 Zimmern sind sogar ohne Fernseher und mit Plattenspielern ausge­stattet, an der Rezeption kann man einen Schallplatten Rohling kaufen und im Untergeschoßeigene Tonaufnahmen machen, neben dem PHONOCUT steht eine Reiseschreibma­schine, jedes 25hours Hotel weltweit hat ein Thema, im Wiener Hotel beim MuseumsQuartier ist es das Spektakel, der Zirkus: Das Schlaftier ist der Elefant, der Schlaf­fant, wie er hier heißt, der Lift ist ein Tierkäfig mit Gitter, Kette und Schloß: „we are all mad here“ steht über dem Eingang, die Gänge sind mit Zirkusmotiven bemalt, und die Wände hinter den Betten, Jonglierbälle und Hula-Hoop-Reifen sind überall griff­bereit, im gelben Zimmer 516 steht eine Badewanne auf dem Balkon, die im Sommer befüllbar ist, heute ist der 20. Jänner, kurz nach drei hat es zu schneien begonnen, und ich höre Polizeisirenen und sehe Gruppen von Demon­stranten durch den Schnee Richtung Parlament gehen, wo gerade das Impfpflichtge­setz verabschiedet wird, Zimmer 610 ist ein Panorama­zimmer mit bodentiefen Fenstern und Longstay-Wand: Kleiderschrank und Kochzeile, sonst muss man eben aus dem Koffer leben, die Doppelbetten sind so hoch, dass man das Gepäck darunter verstauen kann, im Durchschnitt halten sich die Gäste hier 1,8 Tage auf, sagt Maéva, die Managerin, die auch Bauchrednerin ist, wie auf ihrer Visitenkarte steht, hier sind alle miteinander per Du, von der nächsten Quergasse aus – die Tür zum ersten Haus in der Mechitaristengasse ist angelehnt, weil es ein Fest im dortigen Kindergarten gibt – vom Müllplatz im Hochparterre aus kann ich die Enden der Mikadostäbe sehen, die aus dem Lichthof des Hotels ragen, und die Leuchtschrift „PHOTOS“ im Foyer, ich erinnere mich: „POUH“ steht in Leuchtbuchstaben an einer Wand in der Cocktail­bar, über einem Koffer und einem Fahrrad, die auf jedem Stockwerk zu finden sind, ein Koffer und ein Fahrrad, jeder Gemeinschaftsraum und jedes Zimmer überrascht mit Fundstücken vom Flohmarkt, der sich gleich neben dem Hotel in der Lerchenfelder Straße fortsetzt, in den Auslagen des Volksladens: Schlittschuhe, eine Balken­waage und die LP RUSS BALLARD, alles weinrot, neben einem Porträt von Ludwig van Beethoven, das an einer eckigen gelben Vase lehnt, ein Bild von Hieronymus Bosch und eine Gasmaske, die von der Decke hängt, die Roll­läden vor dem Geschäftseingang sind heruntergelassen, und meine Anrufe gehen ins Leere, der Besitzer des Army Shops gegenüber sagt, dass man die Besitzerin irgendwann einmal tot zwischen ihren Sachen finden wird, sie ist weit über 80, und auch seinen Laden gibt es schon seit 21 Jahren – Woher ich meine Sachen habe, kann ich Ihnen nicht sagen, es gibt einen internationalen Handel mit Waren aus Armeebeständen und daraus entstehen Moden, 80 Prozent der Herrenmode kommt aus dem Militär, die Kopf­bedeckungen, die an der Decke hängen, von der Matrosen­mütze bis zum Stahlhelm, sind fürs Theater, sagt er, und Fetisch, nicht nur sexuell, sondern für Themenpartys, die gerade angesagt sind – mich interessiert die weiße Weste mit eingenähten Plastikschläuchen, die mit Wasser befüllbar sind, mit kaltem Wasser wahrscheinlich, sagt er, für Panzerfahrer, ein Haufen Stiefel liegt am Boden und Bündel von Kleidungsstücken, die erst sortiert werden müssen, Zelte in Tarnfarben liegen über Kleider­ständern mit Mänteln, Jacken und Hosen mit unterschied­lichen Hoheitszeichen, und ich kehre ins Hotel zurück und beim dortigen Italiener ein, der Ribelli heißt und in der Mitte eine Bar hat, an der man sitzen kann, der Companiontisch für 12 Personen hat in der Mitte ein Eis­fach für Getränke, und die Wand daneben ist mit Film­figuren bemalt, auf dem Tisch davor reihen sich riesige Wassermelonenstücke an eine halbkugelförmige Torte, rot und weiß dekoriert, ein rosa Schweinskopf mit einem Apfel im Maul, ein quicklebendiger blauer Fisch und ein bunter Hahn geht durch das Bild – mein Fahrrad, das ich vor dem Hotel abgestellt habe, ist völlig eingeschneit, als ich es aufsperre, mein Helm, den ich an das Schloss gehängt habe, ist voll Schnee.

Als ich am Nachmittag des 10. März noch einmal ins Hotel gehe, um meinen Text zu überprüfen, stehen mehrere Personen mit Konkarden in den ungarischen Landesfarben an ihren Mänteln vor dem Denkmal von György Bessenyei, an dessen Fuß zwei frische Kränze liegen, zur Erinnerung an den Beginn des Freiheitskampfs gegen die Habsburger am 15. März 1848, wie mir ein älterer Herr erklärt, die Büste des Nationaldichters war ursprünglich mit einem Kurzsäbel versehen, einem Husaren-Pallasch, der gestoh­len wurde, und auch der Langsäbel, der später angebracht wurde, war sofort wieder weg, weshalb man sich dazu ent­schloss, auf zusätzliche Attribute zu der Büste zu ver­zichten, ein Loch in der Säule erinnert an die vergeb­lichen Versuche.

Als ich am Nachmittag des 13. April mit dem Fahrrad die Lerchenfelder Straße hinunterfahre, sehe ich die Tür zum Volksladen offen stehen, auf meine Frage, warum ich monatelang niemanden telefonisch erreichen konnte, weist mich die Verkäuferin auf den Zettel im Schaufenster hin: „Aus technischen Gründen fallweise geschlossen.“ – „Sind Sie morgen auch da?“, frage ich sie, heute habe ich nicht so viel Zeit. – „Wenn ich da noch lebe“, antwortet sie, und ich lege meinen Rucksack ab und gehe den schmalen Weg um einen langen Tisch mit Gläsern und Keramik herum, als das Telefon läutet: „Ich bin nicht die Chefin“, sagt sie zu mir, der Chef betreibt den Laden hier seit 1978, in­zwischen wurde das Haus renoviert, im Lagerraum rechts von der Eingangstür lehnt ein Ladenschild an der Wand: „Alles aus“, ist zu lesen und „VOLK“, der Rest wird von Teilen eines Paravents verdeckt, auf einem Stapel Papp­kartons steht ein Schaukelstuhl, und auf einem leeren Vitrinenschrank ist ein bananenförmiges Stück Holz (goldgelb) mit einem Klebeband (braun) befestigt und ein Stück Papier mit der handschriftlichen Notiz „MOND GEFANGEN!“.


Lucas Cejpek wurde 1956 in Wien geboren. Er studierte Germanistik und Amerikanistik in Graz und war Mitarbeiter im Forum Stadtpark. Er lebt als freier Schriftsteller, Theater- und Hörspielregisseur in Wien und veröffentlicht seit 1988 Essays, Romane und Gespräche. Letzte Erscheinungen: Unterbrechung. Burn Gretchen (Sonderzahl, 2014); Ein weißes Feld. Selbstversuch (Sonderzahl, 2017); Umkreisung (Sonderzahl, 2020).

Fotos: Armin Bardel, Lucas Cejpek

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

FOLLOW US ON

logo