Standler*innen hautnah: Wolfgang Ebner

Alles mit Leidenschaft

Die zahllosen beruflichen Lebensstationen von Wolfgang Ebner zu erzählen, dafür braucht es eigentlich ein Buch. Für die Lebendige Lerchenfelder Straße hat sich der aus Niederösterreich stammende „Standler“, der seit Herbst letzten Jahres den Lerchenfelder Bauernmarkt bereichert, Zeit genommen und über sich erzählt. Würde man sein Leben verfilmen, wäre es wohl am ehesten in der Kategorie „Roadmovie“ anzusiedeln. Der Markt ist jedenfalls Wolfgang Ebners Heimat, hier steht er mit Leidenschaft und Liebe zu seinen Waren – und vor allem zu seinen Kund*innen.

Fotos: Berenice Pahl

Wolfgang Ebner auf seinem Stand auf dem Lerchenfelder Bauernmarkt: Das kompetente Lächeln des Standlers aus Leidenschaft begleitet einen dann noch lange …

1972 als siebtes von insgesamt 13 Kindern auf dem elterlichen, damals noch aktiven Bauernhof geboren, wuchs Wolfgang Ebner die ersten Jahre zuhause, ab seinem 14. Lebensjahr mit sechs weiteren Geschwistern in einem Heim auf. Eigentlich wollte der junge Niederösterreicher Koch werden, doch in der Rückschau meint er heute, „hab′ ich mich damals zu wenig durchgesetzt“ – und aus dem Kochlehrling wurde ein Fleischerlehrling. Fragt man ihn, ob er gerne kocht, meint Wolfgang Ebner lachend ja und setzt nach, „wenn ich koche“ – denn Freizeit hat er, wie in den meisten Jahres seines dichten Berufslebens, kaum.

Nach drei Jahren Lehre zog Wolfgang Ebner für kurze Zeit noch einmal nach Hause, ehe er schon bald darauf seine erste eigene Wohnung im Heimatort beziehen konnte, um von dort weiterhin nach Waidhofen an der Ybbs zu pendeln, wo er auch nach Abschluss seiner dortigen Fachausbildung zwei Jahre im Betrieb der Fleischerei Alois Moshammer tätig blieb. Der nächste berufliche Schritt führte ihn nach Kematen an der Ybbs und zur Fleischerei von Leopold Steinmetz. Hier konnte der damals knapp 20-jährige ausgebildete Fleischer bereits ausfahren. „Bei der Firma Moshammer habe ich alles für meinen Beruf gelernt, bei der Firma Steinmetz, die um einiges größer war, habe ich mich bereits spezialisiert, bald schon im Expedit gearbeitet und vor allem die Waren für die Partnerwirte vorbereitet und ausgeliefert.“

Dass ihm der Kontakt mit den Kund*innen liegt, war Wolfgang Ebner, aber auch seinen Arbeitergebern, rasch klar, und der liebenswürdige, kommunikative und fachlich gut ausgebildete Jungfleischer wurde bald erneut abgeworben – dieses Mal vom Bereichsleiter einer Filiale der „Unimarkt“-Kette. Wolfgang Ebner nahm das Angebot an – und ging nach Weyer in Oberösterreich. Schon bald zählte die von ihm geführte Filiale zu den fünf besten österreichweit, doch es zog Ebner zurück in den Heimatort. Die Übernahme einer anderen Filiale, die näher lag und das Pendeln erleichterte, erwies sich jedoch als Fehler, denn dieses Mal war das Glück nicht auf Ebners Seite und die damals noch schlecht, da im Industriegebiet liegende Filiale musste schon bald wieder schließen.

Wolfgang Ebner begann erneut, für einen großen Fleischereibetrieb zu arbeiten. Doch zu diesem Zeitpunkt war das Feuer für den Altwarenhandel schon seit mehreren Jahren entfacht: „Das Interesse war eigentlich schon in meiner Jugend da“, erzählt er, „und ab meinem 20. Lebensjahr bin ich eigentlich jedes Wochenende mit meinen Waren auf Flohmärkte in ganz Österreich gefahren.“

Altwarenhändler aus Leidenschaft
Angefangen hatte alles mit einem Freund, der vor allem Postkarten verkaufte. Und das mit derartigem Erfolg, dass sich Wolfgang Ebner auch für dieses Hobby, das bald zur Leidenschaft werden sollte, zu interessieren begann. Er kannte genug Bauern in der Region, um interessante und auch seltene Stücke, vor allem altes bäuerliches Werkzeug, zu finden, und arbeitete sich rasch auch in die Kunst der Restaurierung ein. Der nächste Schritt war die Unternehmerprüfung – und die Entscheidung, sich selbstständig zu machen. Doch aus dem eigenen Business im Altwarenhandel wurde erneut nichts – wieder wurde Wolfgang Ebner abgeworben, dieses Mal in die Versicherungsbranche, und wieder mit großem Erfolg – für das geliebte Hobby war dann für einige Jahre keine Zeit mehr. Erst als für Wolfgang Ebner klar wurde, dass er nicht für immer beim Versicherungsmakler bleiben wollen würde, kam die Lust wieder, es erneut mit dem Antiquitätenhandel zu versuchen. Zehn Jahre war Wolfgang Ebner von da an als Altwarenhändler tätig. „Ich habe vor allem traditionelles Werkzeug gekauft, restauriert und wiederverkauft, alte, wunderschöne Schmiedekunst, die es vor allem entlang der Eisenstraße, wo ich aufgewachsen war, gab und die wirklich faszinierend ist.“

„Wenn du beim Putzen eines Geräts zum Beispiel plötzlich ein Muster findest und erkennst, dass der Gegenstand 150, 200 Jahre alt ist, das ist schon ein tolles Gefühl!“

Wolfgang Ebner

Daneben gab es für das Multitalent freilich eine Reihe von Nebenjobs, die Wolfgang Ebners Know-how von der Eisenverarbeitung über den Schleifdienst bis zum Militaria-Handel erweiterten. „Was ich mir bald schon nicht mehr vorstellen konnte, war, dass ich ein Leben lang in einem Job arbeiten muss.“ Wolfgang Ebner braucht die Abwechslung – und den Austausch mit Menschen.

2011 folgte eine schwerwiegende Entscheidung und der Weg nach Deutschland. Wolfgang Ebner verkaufte alle seine Waren, gab den gut gehenden Altwarenbetrieb auf und verließ Österreich – für wenige Monate. Denn bald schon wurde ihm klar, dass weder der neue Ort noch der neue Job ihn glücklich machten, und so kehrte er bald schon wieder zurück und musste von Null an beginnen. „Ich bin damals mit zwei Koffern nach Deutschland gefahren – und mit einem zurückgekommen.“

Die nächsten ereignisreichen zehn Jahre führten in wieder neue Branchen, die Gastronomie und Hotellerie, und zu einer Reihe teils sehr bekannter Gastgewerbeunternehmen und Hotels. Auch hier konnte Wolfgang Ebner immer wieder überzeugen. Daneben begann er erneut mit eigenen Projekten, versuchte es mit dem Direkthandel mit frischen Datteln, Abflussreinigern, Geschirr, Wasserfiltern – „doch es war alles nicht das Wahre für mich“. Und auch der Versuch, wieder im Versicherungsbereich tätig zu werden, macht den energetischen Unternehmer nicht mehr glücklich.

Kurz vor dem ersten Lockdown kündigte Wolfgang Ebner schließlich bei seinem damaligen Arbeitgeber, einem Hotel. Das war im Winter 2019, und keiner wusste zu diesem Zeitpunkt, dass nur wenige Wochen später weltweit alles anders sein würde. „Ich glaube aber, dass ich auch, wenn ich gewusst hätte, dass die Covid-19-Pandemie ausbricht, gegangen wäre.“ Es ist eben wieder Zeit für Neues.

Der Aronia-Flyer
Bei einem Messebesuch im Herbst 2019 hatte Wolfgang Ebner mit einem Händler „über Aronia zu plaudern begonnen“. Und nahm den Flyer mit. „Nach zwei Monaten, kurz nach meiner Kündigung und in Gedanken, was ich nun machen sollte, habe ich dann den Flyer zuhause wieder entdeckt und in Ruhe durchgelesen. Eigentlich interessant, hab ich mir gedacht, das wäre ein Produkt, hinter dem ich stehen kann und das ich verkaufen könnte.“

Aus der Idee wurde ein Konzept – und bald schon der erste Stand. „Das war der Beginn von dem, was ich heute mache.“ Die Produktpalette hat sich in den 12 Monaten, die er sein neues Ein-Mann-Unternehmen führt, freilich wesentlich erweitert.

Begonnen hat alles mit einem Aronia-Flyer: Heute kann Wolfgang Ebner auf ein Warensortiment blicken, dass sich wahrlich sehen lassen kann.

Auch während der gesamten Corona-Zeit war Wolfgang Ebner Woche für Woche zumindest dreimal auf einem Markt. „Es war nur einmal in all den Monaten, dass ich zwei Tage aussetzen musste, weil ich mir den Ischias eingezwickt hatte und wirklich außer Gefecht war. Ich bin aber sofort wieder hinaus, denn das Einzige, was hilft, ist Bewegung, und so habe ich mich zusammengerissen und bin wieder mit meinem Stand auf den nächsten Markt gefahren.“

Dienstags steht Wolfgang Ebner heute auf dem Siebenbrunnenplatz, mittwochs in der Gatterburggasse, donnerstags demnächst auf dem Margaretenplatz; und seit Herbst 2020 ist Wolfgang Ebner mit seinem Stand jeden Freitag auf dem Lerchenfelder Bauernmarkt.

So unterschiedlich die Märkte sind, so glücklich ist Wolfgang Ebner an jedem seiner Standorte. Er mag die anderen Händler*innen, von denen einige wie er an mehreren Standorten zu finden sind. Er mag vor allem aber seine Kundinnen und Kunden, die die kompetente Kommunikationsfreude des Händlers zu schätzen wissen und mit großer Offenheit auch für Neues Woche für Woche zu seinem Stand kommen. Sogar einen echten Stammkund*innen-Stock konnte sich Wolfgang Ebner bereits aufbauen. Das bestärkt ihn in seiner Entscheidung und macht ihn auch glücklich. „Am Anfang musst du auf jedem neuen Markt durchhalten. Die Kund*innen haben meisten ihren Plan, wissen genau, was sie wo bekommen, stellen sich dafür gerne auch mal länger an – und übersehen dich einfach. Wenn du dann aber selbst entdeckt wirst und die Menschen Woche für Woche gerne zu dir kommen, das ist einfach ein schönes Gefühl.“ Die Belohnung auch für die harten Monate des Beginns, in denen Wolfgang Ebner oft bei Minusgraden – und noch kaum bekannt – stundenlang auf seinem Stand durchgehalten hat. „Heute denke ich mir, das alles war nicht umsonst. Und ich mach′ es wirklich gerne.“

Alles, was er in all den Jahren gelernt hat – von der Fleischerei über den Einzelhandel bis hin zum direkten Umgang mit seinen Käufer*innen – kann Wolfgang Ebner heute im eigenen Betrieb einsetzen. Vor allem aber weiß er, wo seine Ware herkommt, kennt die Produzent*innen, die Bauern oder Imker. „Bewusst zu leben, ist mir heute persönlich wie als Händler absolut wichtig. Und der Gedanke, dass ich Menschen unterstütze, die hier, in der Region, produzieren und ihre Produkte gut und vor allem seriös und wertschätzend vermarktet haben wollen.“

„Heute denke ich mir, das alles war nicht umsonst. Und ich mach′ es wirklich gerne.“

Wolfgang Ebner

Da kann es auch mal passieren, dass ein Produzent, für den sich Wolfgang Ebner interessiert, schlichtweg keine Kapazitäten mehr hat. Auch das ist ein Teil seiner Arbeit als „Standler“ – und umgekehrt, immer wieder selbst zu evaluieren, was besonders gut geht, was auch weniger Anklang findet. „Manche bestellen auch direkt am Markt für die nächste Woche, und ich brauche eigentlich auch einen Webauftritt, einen Newsletter oder die Möglichkeit, per Mail oder online vorzubestellen. Aber mir fehlt im Moment ganz ehrlich einfach die Zeit.“

Lange Tage
Wolfgang Ebner steht täglich um halb vier Uhr auf, damit er an manchen seiner Standorte pünktlich um sechs Uhr eintrifft, aufbaut, den Tag über verkauft und abends allein abbaut, einlädt und die verbleibende Ware zurück in sein Lager führt und auslädt. „Wenn ich dann nach Hause komme, manchmal um sieben Uhr abends, manchmal später, dann schaffe ich es einfach nicht mehr, mich auch noch mit neuen Vertriebsmodellen zu beschäftigen.“

Vielleicht ist es bald schon möglich, auch Mitarbeiter*innen zu gewinnen. Interessenten, die gerne mit ihm arbeiten würden, gibt es schon. „Und manchmal denke ich mir: Wenn ich so weitermache wie im letzten Jahr, dann kann ich es schaffen. Und ich will ja auch irgendwann andere mit ins Boot nehmen.“

Vier bis fünf Tage in der Woche muss Wolfgang Ebner mit seinem Stand derzeit allein auf Wiener Märkten präsent sein. „Was ich mir aber wünschen würde, ist, dass ich irgendwann nicht mehr allein auf meinen Ständen stehe und auch nicht mehr alles allein bewältigen muss.“ Denn den Traum, bald wieder mit seiner Leidenschaft, dem Altwarenhandel, neu beginnen zu können, den hat Wolfgang Ebner bis heute nicht aufgegeben. „Dass ich so viel Zeit habe, dass ich am Samstag wieder einen Altwarenstand haben kann, das ist mein Traum.“

„Für mich ist es wichtig, ehrlich mit den Kund*innen umzugehen. Diese Lehre verdanke ich dem Qigong, einer Meditationspraxis und Weisheitslehre, die ich seit 20 Jahren praktiziere und von der ich die Prinzipien Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Toleranz gelernt habe – und auch leben will.“

Wolfgang Ebner

Kleinere, feinere Stücke sollen es dann werden, für die auch sein Herz ganz persönlich schlägt. Wann es so weit ist, das kann Wolfgang Ebner im Moment nicht sagen. Im Vordergrund steht derzeit die Präsenz auf den Wiener Märkten, „dass ich dort stehe und diese alte Tradition weiterführen kann. Für mich ist wichtig, diese Tradition wiederzubeleben, dass die Leute wieder an einem Ort in der Woche zusammenkommen und ,ins Reden kommen‘. Vielleicht hat die Corona-Krise dieses Bewusstsein ja auch wieder gestärkt.“

Beruf und Berufung in der Lerchenfelder Straße: Menschen mit Pioniergeist und Vision erzählen über ihre Motivation, ihre Leidenschaft für die Josefstadt und ihre Überzeugung für Einzelhandel und Serviceleistungen im Achten.

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